Die wärmeren Lande
(Eine Furry-Story von Dario Abatianni (C)03.02.1999)
1
Dunkelheit hatte sich über die frühsommerliche Landschaft gelegt. Ein lauer Wind ließ das kleine Feuer am Wegesrand leicht flackern. Leuchtende Funken stiegen vereinzelt aus den Flammen auf, wirbelten in der warmen Luftströmung herum und erloschen schließlich lautlos. Die schlanke Gestalt eines Fuchses saß am Rande des Feuers. In seinen sanften, braunen Augen spiegelte sich der Schein der Flammen wider, während er in das sich immerwährend ändernde Muster blickte. Langsam nahm er einen Schluck aus seinem Becher und ließ den warmen Tee seine Kehle hinabrinnen. Neben ihm lagen die Überreste eines spärlichen Abendessens: Ein kleines Stück Brot, zwei oder drei Knochen eines Kaninchens, eine Blätterpackung, in der noch ein wenig Fleisch war, und ein halb gegessener Apfel.
Den ganzen Tag über war Rotpelz nun schon in nachdenklicher Stimmung. Wahrscheinlich war seine innere Unruhe auch für seine Appetitlosigkeit verantwortlich. Er wußte nicht warum, aber immer wieder kehrten die Gedanken und Erinnerungen aus seiner Kindheit zurück. Während seiner langen Wanderschaft geschah es nur selten, daß er an sein altes Leben dachte, aber an Tagen wie diesem schien dieses Leben greifbar nahe.
Er nahm einen weiteren Zug aus dem Becher, den er in seinen schwarzen Pfoten hielt. Dabei fiel sein Blick auf das Fell, das sich an die dunklen Flecken anschloß. Fuchsrot, ja, verdammt, ja! Wie oft hatte er dieses Fell verflucht, weil es ein immerwährendes Risiko für ihn und seine Familie darstellte. Bis zu seiner zwölften Sonne hatte er in der Eiswüste weit im Norden gelebt, denn im Grunde war er ein Polarfuchs. Aus einer Laune heraus hatte ihm die Natur ein fuchsrotes Fell wachsen lassen, ganz im Gegensatz zu dem weißen Pelz, den der Rest seiner Familie besaß.
Zu Anfang hatte er sich darüber gefreut, daß er sich von den anderen Füchsen abhob, doch bald schon mußte er feststellen, daß die Neckereien seiner Geschwister nur die kleineren Unannehmlichkeiten waren. Sein auffälliger Pelz machte ihn in der Eiswüste zu einem weithin sichtbaren Ziel für größere Raubtiere, und so mußte er mehr als einmal um sein Leben laufen, wenn ein Eisbär ihn als sein Mittagessen auserkoren hatte.
Vor acht Sonnen hatte er schließlich sein altes Leben aufgegeben und war aus der Polarregion in den Süden gewandert, um die wärmeren Lande zu erreichen. Dort würde sein Fell niemandem mehr schaden. Seinen Spitznamen - Rotpelz - trug er jedoch weiterhin. Er verdrängte im Laufe der Sonnen, die verstrichen, seinen wahren Namen, den er in seinem Herzen aber immer noch behielt.
Der Tee war mittlerweile kalt geworden und Rotpelz schüttete den Rest des Getränkes ins Feuer. Zischend stiegen kleine, nach Kräutern duftende Dampfwolken auf. Der Fuchs schnupperte und genoß den Geruch, der sich ausbreitete. Dann griff er nach seinem Rucksack und nahm eine Decke heraus, die er dann auf dem Boden in der Nähe des Feuers ausrollte. Er streckte sich behaglich darauf aus und blickte in den klaren Himmel, aus dem die Sterne auf die Welt hinabsahen. Wo immer du auch hingehen wirst, mein Sohn, die Sterne werden dich begleiten. Das waren die Worte seines Vaters gewesen, als er seine Heimat verlassen hatte. Viele Nächte hatte er zu den weißen Punkten am Himmel hinaufgeblickt, einige Male auch durch Tränenschleier. In dieser Nacht war der Anblick der Sterne aber mehr beruhigend als betrüblich. Sie folgten ihm wohin er auch ging - als stumme Zeugen seiner Reise.
Rotpelz öffnete müde ein Auge, als ein Sonnenstrahl seine Nase kitzelte. Die Blätter der Bäume bewegten sich im leichten Wind des frühen Morgens und zauberten komplizierte Fleckenmuster auf sein Fell und das Gras seines Lagerplatzes. Er hatte sehr tief geschlafen, noch nicht einmal ein Fetzen eines Traumes war ihm in Erinnerung geblieben. Er schloß das Auge wieder und genoß die frische, kühle Luft, die sanft mit den Haaren seines Pelzes spielte.
Doch schließlich rappelte er sich auf und streckte sich. Tau glitzerte wie aufgereihte Perlen auf den Spinnennetzen, die kunstvoll gewoben in den Sträuchern hingen. Es war der vollkommene Beginn eines Frühsommertages.
Das Feuer in seinem steinernen Becken war mittlerweile zu einer nur noch leicht schwelenden Glut verkümmert. Er brauchte aber nicht lange, um es zu neuem Leben zu erwecken. Fröhlich summend füllte er seinen Becher mit Wasser aus seiner Feldflasche und hängte das Tongefäß dann in die Drahtschlaufe, die über das Feuer ragte. Während das Wasser sich langsam erwärmte, holte er aus einem seiner kleinen Beutel ein bräunliches Blatt heraus, das er vorsichtig zwischen seinen Pfoten zerrieb. Ein aromatischer Duft stieg ihm in die Nase, und er sog gierig die Luft ein. Geduldig wartete er, bis die Flüssigkeit in dem Becher zu sieden begann. Vorsichtig ließ er das zerkleinerte Blatt in das Gefäß rieseln, in dem sich das Wasser schon bald bräunlich verfärbte.
Währenddessen packte Rotpelz seine restlichen Sachen zusammen und wickelte das Fleisch, das von seinem Abendessen übrig geblieben war, aus seiner Blätterhülle. So weit ein ausreichendes Frühstück.
Das Feuer war schnell gelöscht. Der Fuchs schwang sich seinen Rucksack und den kurzen Jagdbogen über die Schulter und zog weiter nach Süden. Er hatte kein spezielles Ziel. Seit er seine Wanderung in die wärmeren Lande begonnen hatte, war er stets seiner Nase gefolgt. Lediglich zu Beginn seiner Reise hatte er sich für eine Zeit in einem kleineren Dorf am Ufer des Meeres niedergelassen.
Seinen Aufenthalt dort hatte er dazu genutzt, die Bräuche und Sitten des fremden Landes kennenzulernen und sich an die ungewohnten Temperaturen anzupassen, die ihm bereits hier zu schaffen machten. Damals hatte er schon geglaubt, er müsse die halbe Welt durchwandert haben, doch die Zukunft belehrte ihn eines besseren. Nachdem er das Dorf verlassen und seine weitere Reise in Angriff genommen hatte, entdeckte er Land um Land, durchstreifte er Wald um Wald und überquerte Fluß um Fluß. Er erkannte, daß das, was er immer für die Welt gehalten hatte, nur ein kleiner Teil eines unglaublich großen Ganzen sein mußte.
Ungefähr zu dieser Zeit geschah es, daß in ihm die Neugier auf das Land hinter dem nächsten Hügel aufkam. Kaum hatte er sich in einem Dorf niedergelassen juckte es ihn auch schon in den Pfoten zu erfahren, wie es wohl ein paar Meilen weiter den Weg hinab aussehen mochte. Er war zu einem Abenteurer, einem Weltenbummler geworden, den es nie lange an einem Ort hielt. Und er wurde es nie müde, seine wechselnde Umgebung zu betrachten und sich an ihr zu erfreuen.
Natürlich machte ihn ein solcher Lebensstil auch einsam; er blieb nie lange genug an einem Fleck, um andere Leute kennenzulernen oder Freundschaften zu schließen. Sie würden ohnehin nicht von Dauer sein, denn er wußte, irgendwann würde er weiterziehen und sie zurücklassen müssen.
Sein Weg führte ihn diesmal durch eine recht offene Landschaft. Hier und da hatten sich einige Bäume zu kleinen Wäldchen zusammengerottet. Dazwischen erstreckten sich wild wuchernde Felder voller Kräuter und Gräser, deren Blüten und Samen die Luft mit würzigen Düften erfüllten. Rotpelz ließ sich regelmäßig am Wegesrand nieder und zupfte vorsichtig die eine oder andere Pflanze aus, die er neugierig betrachtete, befühlte und beschnupperte. Bis zum Mittag hatte er eine ganze Sammlung verschiedenster Blumen und Gräser zusammengestellt, die sich an Farbenpracht gegenseitig überboten.
Als die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hatte, beschloß er, eine Rast einzulegen. Er suchte sich ein hübsches Plätzchen am Rande des Weges aus und schlug dort sein Lager auf. Die Kräuter, die er gesammelt hatte, zeichnete er behutsam in sein Notizbüchlein, das er in einem der Dörfer weit im Norden erworben hatte, und verstaute sie dann in einem seiner Beutel, die er mit festen Lederschnüren an seinem Rucksack befestigt hatte. Während er rastete bemerkte er die Wolken, die sich langsam aber sicher vom Westen her näherten. Scheinbar würde es über Nacht Regen geben, eine ihm nicht ganz unwillkommene Abwechslung zur Wärme des Tages. Dennoch wollte er schnell aufbrechen, um eines der Wäldchen zu erreichen, die etwas Schutz vor der Nässe versprachen. Flink packte er seine Ausrüstung wieder ein und machte sich erneut auf den Weg.
Als die ersten Regentropfen fielen, war Rotpelz immer noch unterwegs. So weit er in der beginnenden Dunkelheit sehen konnte, war auch in der nächsten Zeit nicht mit einem Unterschlupf zu rechnen. Er hielt kurz an, um sich seinen Umhang aus dem Ranzen zu holen, schlang ihn sich um die Schultern und wanderte weiter. Die Wolken verdichteten sich zusehends und er meinte, in der Entfernung ein tiefes Grollen wahrgenommen zu haben. Er schnüffelte aufmerksam und nickte stumm; ein Gewitter war im Anzug.
Wenige Minuten später zuckte der erste Blitz grellweiß über den Himmel. Der Donner folgte wenig später. Die Regentropfen fielen nun dichter und wurden von einer aufkommenden Brise umhergewirbelt. Rotpelz ärgerte sich ein wenig über den Wetterumschwung, stapfte aber beständig weiter. Es war nicht das erste Mal, daß er auf seiner Reise vom Regen überrascht wurde, und immerhin würde er morgen recht schnell wieder trocken werden.
Die Blitze wechselten sich nun in schneller Folge ab. Nur wenige Augenblicke blieb es dunkel, bis ein erneutes Aufflammen des Lichts die Landschaft in ein gespenstisch weißes Leuchten tauchte. Während der ganzen Zeit grummelte und donnerte es in den Wolken. Als ein weiterer Blitz die Umgebung erhellte, sah Rotpelz eine steinerne Brücke, die sich über einen schmalen Fluß spannte. Dahinter konnte er ein paar Gebäude sehen. Erfreut beschleunigte er seine Schritte.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis er die Brücke erreicht hatte. Der Regen fiel stetig herab, rann über den steinernen Steg und seine Brüstung. In diesem Moment flammte erneut ein Blitz auf, der unmittelbar von lautem Donner gefolgt wurde. Rotpelz verharrte. Da war noch etwas anderes gewesen. Über den Donner hinweg hatte er ein anderes Geräusch vernommen, das von unterhalb der Brücke kam. Probehalber schnupperte er, doch der Regen machte jeden anderen Geruch zunichte. Vorsichtig entfernte er sich einige Schritte seitwärts von der Brücke und kletterte die Böschung zum Fluß hinab. Dann bewegte er sich langsam auf das Steingebilde zu, das sich dunkel gegen die Landschaft dahinter abhob.
Ein Flackern in den Wolken, dann wieder ein lautes Poltern. Und erneut hörte er das Geräusch - wie ein leises, erschrecktes Wimmern. Scheinbar versteckte sich jemand unter der Brücke.
»Hallo?« fragte Rotpelz, als er den Steg erreicht hatte und in die Dunkelheit darunter spähte. »Ist da jemand?«
Die Antwort war ein spitzer Schrei und das Scharren von Füßen, die sich hastig entfernten. Einen Augenblick lang glaubte Rotpelz, die Reflexionen eines Augenpaars zu sehen. Wer auch immer hier unten hockte, mußte völlig verängstigt sein.
»Keine Angst«, sagte er leise und taste mit seiner Kraft voraus. Er erfühlte Furcht und Unsicherheit; Furcht vor ihm, dem Gewitter und - vor etwas anderem.
Sanft umfing er die Gefühle und begann, sie zu zerstreuen. »Ich werde dir nichts tun.« Die Angst wurde schwächer, ließ sich aber nicht vollständig beseitigen. »Das Gewitter wird noch eine Weile anhalten. Aber ich habe einige Häuser gesehen, nicht weit von hier. Vielleicht sollten wir versuchen, dort Unterschlupf zu finden.« Während er sprach, machte er ein paar Schritte voraus. Er fühlte die Bewegung eines Körpers, der sich langsam zurückzog.
Rotpelz war so angespannt, daß er zusammenzuckte, als ein neuerlicher Blitz, gepaart mit kräftigem Donnerschlag, die Stille zerriß. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er erkennen, wer sich da vor ihm in der Dunkelheit verbarg.
»Glaube mir«, sagte er. »Ich will dir nichts tun.«
»Geh fort!« sagte das Katzenweibchen leise. »Laß mich zufrieden!«
Der Fuchs spürte die Furcht, die immer noch von ihr ausging. Er nahm seine Kraft noch einmal zusammen und kämpfte gegen sie an. »Es wird wärmer und trockener dort sein. Du mußt dich nicht fürchten. Alles wird gut.« Behutsam streckte er eine Pfote in die Richtung aus, wo er die Gestalt zuletzt gesehen hatte, und berührte einen Moment lang feuchtes Fell.
Die Katze machte einen Satz nach hinten und stieß einen unterdrückten Schrei aus. Doch Rotpelz fühlte, daß es mehr die Überraschung war als die Furcht, also näherte er sich weiter. Als er sie zum zweiten Mal berührte zuckte sie nur kurz zusammen, blieb aber, wo sie war. Seine Augen hatten sich mittlerweile so weit an die Dunkelheit angepaßt, daß er sie sehen konnte. Sie hatte sich ganz in die hinterste Ecke des Brückenüberhanges gezwängt und hielt die Augen fest geschlossen; sie zitterte am ganzen Körper.
»Willst du mit mir kommen, oder möchtest du dir hier draußen einen Schnupfen holen?« fragte Rotpelz sanft. »Glaube mir, ich will dir helfen.«
Schließlich brach die Angst unter seiner Kraft zusammen, und die Katze öffnete die Augen. »Wo sind sie hin?« fragte sie ängstlich.
Rotpelz war etwas überrascht, beschloß aber, erst einmal nicht darauf einzugehen. »Sie sind fort«, sagte er statt dessen. »Komm mit mir. Ich werde dich an einen trockenen Ort bringen.« Langsam führte er seine Pfote an ihre heran und sie umschloß sie zögernd, dann bestimmt. »Na siehst du«, sagte er lächelnd. »Dann komm. Wir müssen ein Stück durch den Regen laufen.«
Er führte das Weibchen unter der Brücke hervor und überquerte mit ihr den steinernen Überweg. Dann wies er mit einer Pfote auf die Gebäude in der Nähe und lief los. Die Katze an seiner Seite hielt mühelos mit, und innerhalb weniger Minuten erreichten sie einen Holzbau, der vermutlich ein Heuschober war. Wenige Augenblicke später hatten sie den Eingang gefunden. Sie betraten die Scheune, schlossen die Tür und ließen das Gewitter draußen zurück.
Es roch nach Stroh, Pferden und feuchtem Holz. Er führte sie bis zur Mitte des Raumes, wo sich ein großer Haufen duftenden Strohs auftürmte. Sie ließ sich in das weiche Lager fallen und schlang ihre Arme um sich. Rotpelz sah, wie sie zitterte und nahm die Decke von seinem Rucksack herunter. Behutsam legte er sie ihr über die Schultern, und sie hüllte sich dankbar in den warmen Stoff.
»Hier werden wir uns erst einmal wieder aufwärmen können«, sagte der Fuchs, während er damit begann, eine Stelle des Bodens in der Nähe vom Stroh zu befreien. Darunter kam festgetrampelter Lehmboden zum Vorschein. »Sayh. Man nennt mich Rotpelz. Wie heißt du?«
»I-Ichira«, sagte sie leise, während sie den Fuchs wachsam beobachtete. »Sayh. Was machst du da?«
Der Fuchs kramte in seinen Sachen herum und förderte eine flache Metallschale zutage. »Ich werde es uns etwas gemütlicher machen. Es dauert nur einen Augenblick.« Er sammelte ein paar herumliegende Holzstücke auf und legte sie zusammen mit etwas Stroh in die Schale. Ein paar Funken von seinem Feuerstein reichten, um ein behagliches kleines Feuer zu erzeugen. Dann nahm er seinen Becher, die Wasserflasche und eines seiner Blätter heraus und bereitete etwas Tee zu. Während das Getränk sich langsam erwärmte, lehnte er sich lächelnd an einen Strohballen und genoß für einen Moment das Gefühl der sich ausbreitenden Wärme. Er blickte zu Ichira hinüber, die ihn immer noch mißtrauisch ansah.
Sie war von schlanker Gestalt, ihr Fell war fast schwarz, nur ein paar weiße Flecken zeigten sich unter ihrem Kinn und an den Spitzen ihrer Ohren. Der Rest des Pelzes war noch unter der Decke verborgen. Im Schein des kleinen Feuers schienen ihre Augen tiefgolden zu schimmern. Aber etwas an ihrer Erscheinung ließ ihn stutzen, und beinahe hätte er zu lächeln aufgehört. Durch das Haar an ihrer rechten Wange verlief eine tiefe Strieme, wo das Fell unregelmäßig nachgewachsen war, und auf ihrer Stirn war eine kieselsteingroße, nahezu kreisrunde Stelle zu sehen, an der es nur noch blanke Haut gab.
Der Tee war nun heiß genug, und er nahm den Becher vorsichtig mit der Drahtschlinge vom Feuer. Dann trug er das Gefäß zu Ichira hinüber, wobei er sorgfältig darauf achtete, nichts zu verschütten. »Hier, trink das. Es wird dich aufwärmen. Aber sei vorsichtig, es ist noch sehr heiß.«
Sie nahm den Becher und schnupperte den Dampf. Die dunstigen Wolken umspielten ihre Schnauze, während sie langsam einen Schluck nahm. »Warum tust tu das alles?« fragte sie schließlich. Ihre Stimme hatte mittlerweile wieder etwas an Kraft gewonnen. Sie klang etwas rauh und kehlig, wie es bei Katzen üblich war, aber sie hatte einen eigentümlich sanften Unterton.
»Weil ich dir helfen möchte«, entgegnete Rotpelz mit einem Schulterzucken. »Ich konnte dich doch nicht da unter dieser feuchten Brücke hocken lassen.« Er blickte ihr in die Augen und sie schaute zur Seite. »Möchtest du mir erzählen, was los ist?«
»Was soll sein?« fragte sie und nippte, ohne ihn anzusehen, von ihrem Tee.
»Nun ja. Als ich dich vorhin unter der Brücke fand, hast du mich gefragt, ob sie fort seien. Ich würde gerne wissen, wen du damit gemeint hast.«
Während er sprach bemerkte er, wie ihre Angst zurückkehrte. Ihr Körper spannte sich ein wenig, und die Augen begannen unruhig umherzuschweifen. »Sie haben mich vor zwei Nächten verfolgt«, erklärte sie schließlich leise. »Es waren häßliche, schuppige Echsenwesen. Ich bin fortgelaufen und habe sie im Wald abhängen können. Ich weiß nicht, was sie von mir wollten, aber das hier« - sie fuhr behutsam mit einer Kralle über die kaum verheilte Narbe auf ihrer Wange - »habe ich ihnen zu verdanken.«
»Du scheinst deine Spuren allerdings gut verwischt zu haben«, sagte der Fuchs. »Ich habe nirgends eine Echse entdecken können. Hier bist du in Sicherheit.«
Ichira schnaubte und zerstreute dabei die Dampfwolken vor ihrem Gesicht. »Ay, ich bin in Sicherheit. Und ein Feigling dazu.«
»Ach was«, erwiderte er sanft. »So wie ich die Sache sehe hast du einfach nur dein Leben gerettet. Was hätte es genützt, wenn du gekämpft und verloren hättest?«
Sie schüttelte betrübt den Kopf, ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. »Du verstehst das nicht.« Sie stellte den leeren Becher ab, zog die Decke fester um sich und schloß die Augen. Rotpelz konnte sehen, wie sie ihre Gedanken zu beherrschen versuchte. Eine Weile saß er ihr gegenüber und beobachtete sie, bis er sicher war, daß sie schlief. Dann breitete er leise seinen Umhang über einen der Ballen zum trocknen aus und legte sich auf einem Haufen duftenden Strohs ebenfalls zum Schlafen nieder.
Als Rotpelz am nächsten Morgen erwachte, herrschte ein ziemliches Durcheinander um ihn herum. Das erste was er hörte war ein lautes Fauchen, dann ein spitzer Schrei und das Knallen einer Tür. Sofort war er hellwach und kam auf die Füße. Ichira hatte die Ohren angelegt und das Fell gesträubt während sie zur Tür starrte, die sich in der leichten Brise des Morgens bewegte. Draußen konnte er einen Schatten sehen, der sich der Tür näherte. Dann schob sich ein Gesicht in die Scheune hinein, und Ichira begann leise zu knurren.
Rotpelz erkannte das Gesicht eines Hundes, etwa auf halber Höhe seines eigenen Körpers. Es war eine Halbwüchsige, vermutlich das Kind des Bauern, dem diese Scheune gehörte. »Alles in Ordnung, Ichira«, sagte er leise. »Es ist nur ein Junges.«
Die Katze blieb unruhig. Anscheinend war auch sie gerade erst erwacht und hatte sich vor der Gestalt erschreckt.
»Guten Morgen, junge Dame«, begrüßte er dann das Hundejunge. »Hab keine Angst. Wir sind nur zwei Wanderer, die gestern nacht vor dem Gewitter Schutz gesucht haben.«
Das Kind betrachtete sie mißtrauisch, öffnete dann die Tür vollständig und trat einen Schritt näher heran. Durch den Eingang strömte klares Sonnenlicht herein - von den dichten Wolken der Nacht schien nichts mehr übrig geblieben zu sein. »Ich hab keine Angst«, sagte das Kind dann. »Ich soll bloß nicht mit fremden Leuten reden. Ich hole jetzt meinen Vater.« Sie wirbelte herum und lief aus der Scheune.
Rotpelz blickte zu Ichira hinüber, die ein belustigtes Gesicht aufgesetzt hatte. Eine willkommene Abwechslung zu der niedergeschlagenen Miene, die sie gestern zur Schau gestellt hatte. Er beugte sich vor und schüttete den verkohlten Inhalt der Blechschale aus. Dann streckte er sich ausgiebig und ließ sich neben seiner Begleiterin nieder. »Wie geht es dir heute?« fragte er.
»Schon viel besser, danke. Ein trockenes Fell ist viel wert.« Sie setzte sich auf und rollte die Decke zusammen. »Danke für die hier«, sagte sie und reichte Rotpelz das Stoffbündel.
»Ay. War doch das Mindeste«, erwiderte er und nahm die Decke entgegen. Dann grinste er. »Du hast ganz schön zerzaust ausgesehen gestern nacht.«
Sie verzog das Gesicht in gespieltem Ärger. »Oh, vielen Dank für das Kompliment.« Sie nahm eine Pfote voll Stroh und warf es ihm ins Gesicht.
»He, was ...« brachte Rotpelz noch heraus, dann mußte er erst einmal die Halme aus seinem Pelz kämmen. Als er damit fertig war, blickte er ihr tief in die Augen. Das goldene Schimmern war immer noch da, eingebettet in ein Meer aus Bernstein. Die dunkle Pupille hatte sich zu einem schmalen Schlitz verengt, sie schien wie ein Riß auf der Oberfläche eines Edelsteins tief hinab zu führen. In diesem Augenblick hörte er, wie jemand die Scheune betrat. »Wir sprechen uns noch«, murmelte er grinsend, dann wandte er sich um.
»Einen guten Morgen wünsche ich«, sagte ein hochgewachsener Rüde, der in der Tür stand. Er stützte sich auf eine Mistgabel, die er in einer großen Pranke hielt. Seine Beine waren in eine kräftige lederne Hose gehüllt, und auf seinem Kopf trug er einen Hut, der ihn vor der Sonne schützte. Alles in allem sah er wie der Inbegriff eines einfachen Landwirtes aus.
Rotpelz richtete sich auf, wobei er feststellte, daß er dem anderen gerade mal bis zur Schulter reichte, und verbeugte sich höflich. »Sayh. Auch Euch einen guten Morgen«, begann er. »Ich möchte mich dafür entschuldigen, daß wir so ungefragt in Eure Scheune eingedrungen sind, aber das Unwetter der Nacht zwang uns dazu, Unterschlupf zu suchen. Mein Name ist Rotpelz, und das hier ist Ichira.« Er hoffte, daß der große Hund gut gelaunt war - er hatte seine Kraft gestern schon arg auf die Probe gestellt und war sich nicht sicher, ob er sie heute noch einmal anwenden konnte.
Zum Glück schien der Bauer aber keinen Groll zu hegen. Seine Lefzen zogen sich zu einem Grinsen zurück. »Nur keine Sorge. Die Scheune ist ja groß genug. Ich war ein wenig überrascht, als meine Kleine gerade angelaufen kam und etwas von fremden Leuten erzählte.« Er machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich wette, Ihr seid hungrig. Wie wäre es mit einem kräftigen Frühstück?«
»Oh, sehr gerne. Aber wir möchten Eure Gastfreundschaft nicht über Gebühr strapazieren.« Das Grummeln in seinem Magen strafte seine Worte Lügen.
Der große Rüde lachte. »Na denn kommt mit, Ihr seid unsere Gäste. Ich werde Euch in die Küche bringen.«
Rotpelz streckte Ichira seine Pfote entgegen und half ihr beim Aufstehen. Sie sah ihn etwas überrascht an, sagte aber nichts.
»Ach so, ja. Mein Name ist übrigens Altan«, sagte der Bauer, als er sie aus der Scheune hinaus über einen kleinen Hof führte. »Meine kleine Tochter Naki habt Ihr ja schon kennengelernt. Meine Partnerin Thera und mein Sohn warten bereits in der Küche.«
Sie betraten das Haupthaus und durchquerten einen schmalen Flur, von dem zu beiden Seiten mehrere Türen abzweigten. Eine davon stand offen, und ein verlockender Geruch nach Gebratenem ging von dem Raum dahinter aus. Bald schon standen sie in einer einfachen aber sauberen Küche. In der Mitte des Raumes hatte ein schwerer Tisch seinen Platz gefunden um den einige grob gezimmerte Stühle herumstanden. Zwei Junge hatten bereits Platz genommen; das Weibchen, das sie am Morgen geweckt hatte und ein Männchen, das offensichtlich gerade dem Welpenalter entwachsen war. An der Feuerstelle stand Thera und bereitete das Frühstück für die Familie und ihre Gäste vor. Auf dem Tisch standen bereits einfache flache Holzteller mit passendem Besteck und gefüllte Tonbecher. Altan bot ihnen ihre Plätze an.
»Ich möchte mich bei Euch für die freundliche Bewirtung bedanken«, sagte Rotpelz, als er sich setzte. »Selbstverständlich werden wir uns dafür erkenntlich zeigen.«
»Ach, laßt nur«, sagte Thera, als sie die schwere Pfanne auf den Tisch stellte. Darin brutzelte ein Gemisch aus geschnittenen Erdknollen, Zwiebeln und Eiern, das den beiden Wanderern das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. »Wir haben nur selten Besuch von Leuten außerhalb unserer Lande. Man hört ja nur sehr wenig von dem, was in der Welt so geschieht.«
Thera hatte das Essen kaum aufgetragen, als die beiden Jungen schon kräftig zulangten. Rotpelz wartete höflich, bis er an der Reihe war, und dann bediente auch er sich und seine Begleiterin. »Wenn Ihr möchtet, erzähle ich Euch von dem, was wir erlebt haben«, sagte er mit einem kurzen Seitenblick auf Ichira.
Und so berichtete er von seinen Erlebnissen auf der Reise und flocht geschickt seine Begleiterin mit in die Erzählungen ein. Ichira hörte ebenfalls gespannt zu, und er konnte an ihrem Gesichtsausdruck erkennen, daß er um eine Erklärung nicht herumkommen würde. Auch die Kleinen lauschten aufmerksam den Worten des Fuchses, auch wenn sie vermutlich nur die Hälfte von dem begriffen, was er berichtete.
»Was ist Euer Ziel, wenn ich fragen darf?« Altan beugte sich über den Tisch, als sie ihre Mahlzeit beendet hatten.
»Nun, ich für meinen Teil habe kein wirkliches Ziel-«, begann Rotpelz.
»Die nächste Stadt«, sagte Ichira fast im selben Augenblick.
Altan blickte die beiden über den Rand seines Bechers an, setzte das Getränk ab und wischte sich mit den Rücken seiner Pfote über den Mund. »Die nächste Stadt ist noch ein ganzes Stück entfernt«, sagte er dann. »Etwa zehn Meilen die Straße hinunter befindet sich nur ein kleines Dorf, doch unglücklicherweise hat es dort einen Zwischenfall gegeben.«
Rotpelz spürte, wie Ichira neben ihm zu zittern begann. »Was für ein Zwischenfall war das?« fragte er und legte seiner Begleiterin unauffällig eine beruhigende Pfote auf die Schulter.
Altan zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nicht genau. Es sind nur Gerüchte, nicht mehr. Wir sahen vor ein paar Tagen Flammenschein am Horizont, und dann hörten wir von schuppigen Kreaturen, die angeblich die Wälder durchstreifen sollen. Wir selber haben noch keines dieser Wesen gesehen, aber sie sollten sich besser von unserem Hof fernhalten, sonst können die was erleben.«
»Ich bin sicher, Ihr würdet Euren Hof würdig verteidigen«, sagte Rotpelz. »Doch wir müssen nun weiter. Ihr wart wirklich überaus freundlich zu uns.« Er schob seinen Stuhl zurück und stand auf. Auch Ichira erhob sich, immer noch von einer seltsamen Unruhe erfaßt, die er nicht deuten konnte.
»Ich wünsche Euch noch weiterhin viel Glück für Eure Reise, meine Freunde«, erwiderte Altan. »Falls Ihr wieder einmal hier in diese Gegend kommen solltet, zögert nicht, uns erneut zu besuchen. Wir würden uns freuen, von Euren Erlebnissen zu hören.«
»Gewiß werden wir dies tun. Mutter Thera« - er verneigte sich in die Richtung der Bäuerin - »es war mit ein großes Vergnügen Euch und Eure Kochkunst kennengelernt zu haben. Auf Wiedersehen.«
Altan geleitete die beiden noch zur Scheune, wo sie ihre Habseligkeiten zusammensuchten und sich schließlich auf den Weg machten. Sie blickten sich noch einmal kurz zu dem kleinen Hof um. Der Bauer stand noch eine Weile da und beobachtete ihren Aufbruch. Rotpelz schauderte es bei dem Gedanken, daß die Echsen den Hof womöglich tatsächlich überfallen könnten. Trotz des mutigen Herzens des Mannes würden sie wahrscheinlich wenig Chancen gegen eine Übermacht haben.
Als sie etwa eine Meile gegangen waren, entschloß sich der Fuchs, das Schweigen zu brechen, das seit ihrem Abschied vom Hof der Hunde auf ihnen lastete. »Möchtest du mit mir darüber sprechen?«
»Worüber?« fragte sie. Ihre Stimme zitterte leicht.
»Ich meine, warum du vorhin beim Frühstück plötzlich so aufgeregt warst. Mir kam es so vor, als würde dich etwas ängstigen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, es ist nichts. Ich bin nur wegen der Echsen ein wenig beunruhigt, das ist alles.«
»Wirklich?« Als sie nicht antwortete beschloß er, nicht weiter nachzuhaken. Irgend etwas bedrückte sie, das war offensichtlich. Aber solange sie nicht darüber sprechen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis sie dazu bereit war.
Während sie der Straße weiter nach Süden folgten, verdüsterte sich die Stimmung der Reise immer mehr. Rotpelz tat es in der Seele weh, die Katze in so trübe Gedanken versunken zu sehen. Sie brauchte etwas Ablenkung von dem, was immer sie auch momentan beschäftigte. Er blieb stehen. »Wie wäre es mit einer Rast?« fragte er.
»Jetzt? Wir sind doch gerade erst losgegangen.«
Er grinste verlegen. »Ay, du hast schon recht. Aber du mußt wissen, daß ich aus dem hohen Norden komme, und die Temperaturen hier machen mir immer noch ein wenig zu schaffen. Nur ein paar Minuten, einverstanden? Oder hast du es eilig?«
Sie zögerte ein wenig, bevor sie antwortete. »Nein, eigentlich nicht. Na gut, einverstanden. Rasten wir ein wenig.«
Sie ließen sich auf einer großen Wiese nieder und genossen die Wärme der Sonnenstrahlen. In einiger Entfernung war ein Wald zu sehen, der sich quer über den gesamten Horizont zog. Bis dahin wurde die Landschaft von ausgedehntem Grasbewuchs geprägt, über und über gesprenkelt von Blumen und Blüten verschiedenster Farben und Düfte. Rotpelz fühlte in sich und ließ seine Kraft ausströmen. Ein sanftes Tasten diesmal, nicht die abwehrende und kräftige Schlinge, die er gegen ihre Angst unter der Brücke ausgeworfen hatte.
Binnen weniger Minuten wimmelte es um ihn herum von Schmetterlingen und bunten Faltern, die sich überall auf seinen Pelz setzten und ihre Flügel in der Sommersonne ausbreiteten. Auch Ichira wurde bald darauf belagert, und sie mußte lachen, als sich eines der Tiere auf Rotpelz' Schnauze setzte und ihn zum niesen brachte.
»Wie machst du das?« fragte sie lachend. »Das müssen ja hunderte sein!«
Er grinste. »Sie sind hübsch, nicht wahr? Sie mögen uns anscheinend. Sieh nur, sie sind überhaupt nicht scheu.« Er legte sich ins Gras zurück, nahm einen der Falter auf seine Pfote und betrachtete die schimmernden dünnen Schwingen, die das Tier der Sonne entgegenstreckte.
Ichira war völlig von der schillernden Pracht der Schmetterlinge eingenommen. Ihr Lachen war ansteckend, jetzt, da sie nicht mehr von ihren düsteren Gedanken gefangen war; wären da nicht die Narben gewesen, die ihr Fell an einigen Stellen durchzogen. Wie er vermutet hatte, war ihr Pelz nahezu überall schwarz. Außer an ihrem Kinn und den Ohren hatte sie auch auf dem Bauch und an den Spitzen ihrer Hinterpfoten weiße Flecken. Ihr Schweif und ihre vorderen Tatzen waren dagegen makellos schwarz und glänzten seidig im Sonnenlicht.
Alles an ihr faszinierte den Fuchs, der gedankenverloren jede ihrer Bewegungen beobachtete. Er hatte bisher noch nie tiefere Gefühle für ein Mitglied einer anderen Spezies empfunden, doch er hatte den Verdacht, daß es diesmal soweit sein könnte.
Schließlich ließ er seine Kraft versiegen, und die Falter zerstreuten sich daraufhin wieder über die Wiese. Ichira schaute den Tieren noch eine Weile nach und ließ sich dann neben ihm ins Gras fallen. »Warum hast du den Leuten am Hof erzählt, daß wir das alles zusammen erlebt haben?« fragte sie unvermittelt. »Du kennst mich doch erst seit gestern nacht.«
Rotpelz dachte einen Augenblick über seine Antwort nach. »Ich wollte ihnen eine gute Geschichte für ihre Gastfreundschaft bieten. Und du mußt zugeben, daß es alles etwas eintönig geklungen hätte, wenn ich nur von mir gesprochen hätte.« Er wandte seinen Kopf um und blickte ihr in die Augen. »Ich hoffe, du bist mir deswegen nicht böse.«
»Nein, bin ich nicht. Ich war nur ein wenig überrascht. Ich wußte nicht genau, ob ich dich nun korrigieren sollte oder nicht.« Sie grinste schelmisch.
»Und mich als einen Lügner hinstellen, wie?« Rotpelz grinste ebenfalls.
Sie schnaubte belustigt. »Ach was. Warum hätte ich das tun sollen? Die Leute waren sehr nett zu uns, und deine Geschichte war - nun ja, immerhin hast du mir nichts angedichtet, was ich unbedingt abstreiten müßte.« Sie wandte ihr Gesicht zum Himmel und schwieg einen Augenblick. Der nachdenkliche Ausdruck kehrte auf ihr Gesicht zurück, und Rotpelz wußte, daß die unbeschwerten Augenblicke vorüber waren. »Wir sollten weiterziehen«, sagte sie leise und richtete sich auf. »Es sei denn, du möchtest hierbleiben oder einen anderen Weg gehen.«
»Oh, ich habe kein besonderes Ziel, wie du weißt. Und wenn es dir nichts ausmacht, würde ich deinen Weg gerne teilen. So haben wir beide etwas Gesellschaft.« Der Fuchs stand nun ebenfalls auf und blickte umher. »Es ist dennoch schade, diesen friedlichen Fleck so schnell wieder zu verlassen.«
Sie lächelte. »Ich möchte dich gewiß nicht von hier vertreiben, Rotpelz.«
»Ist kein Problem«, erwiderte er. Um nichts in der Welt würde er sie jetzt alleine ziehen lassen. »Es gibt sicher noch tausende solcher Orte, die es noch zu entdecken gilt.«
Gemeinsam kehrten sie zum Weg zurück und setzten ihre Wanderung fort. Betrübt mußte Rotpelz feststellen, wie Ichiras Miene mit jedem Schritt düsterer und verschlossener wurde. Er erinnerte sich lebhaft daran, wie sie über die Schmetterlinge gelacht hatte, erinnerte sich an den beinahe kindlichen Ausdruck in ihren Augen. Was immer ihr Kummer bereitete, er würde sein bestes tun, um die Last von ihr zu nehmen.
2
Der Pfad schlängelte sich über die bunte Wiese bis hin zum Rand des Waldes, der beständig näher gerückt war. Im Schatten der dicht stehenden Bäume war die Luft etwas kühler, und Rotpelz seufzte erleichtert. Dabei stiegen ihm die verschiedensten Gerüche in die Nase, die er begierig einatmete und untersuchte. Es roch nach Farnen, nach Pilzen und verfallenen Blättern. Doch ein weiterer Geruch mischte sich unter die intensiven Düfte der Natur; fein und undifferenziert zuerst, dann aber immer stärker, je weiter sie gingen. Unauffällig warf der Fuchs einen Blick auf seine Begleiterin und erkannte, daß auch sie den ungewöhnlichen Geruch wahrgenommen hatte. Sie hatte ihren Mund leicht geöffnet und schien den Gestank - denn als solchen hatte er ihn jetzt eingestuft - zu schmecken. Er hatte diese Art der Sinneswahrnehmung schon häufiger bei Katzen gesehen, selber aber nie nachvollziehen können. »Riechst du es auch?« fragte er schließlich.
»Ay«, sagte sie, und ihre Züge verdüsterten sich noch mehr. »Der Tod liegt in der Luft.« Sie begann schneller zu gehen und schließlich zu laufen. Rotpelz hielt überrascht Schritt mit der sich anmutig bewegenden Gestalt. Obwohl sie gut einen Kopf kleiner war als er, konnte sie erstaunlich schnell sein. Gemeinsam hasteten sie weiter, duckten sich unter überhängenden Ästen hindurch und folgten den gewundenen Schleifen des Pfades. Wenig später hatten sie den Waldrand erreicht, und Ichira blieb wie angewurzelt stehen. Rotpelz lief noch ein paar Schritte weiter den Weg entlang, bis auch er verharrte und sah, was sie zum Anhalten veranlaßt hatte.
Vor ihnen fiel das Land sanft ab und bot einen weiten Blick auf die Umgebung. Am Fuße des Hügels, von dem sie nun hinabspähten, sahen sie die Ruinen eines Dorfes. Schwarze Überreste von Häusern und anderen Gebäuden hoben sich von dem saftigen Grün der Wiesen ringsum ab wie eine verfaulende Stelle in der Schale eines Apfels. Dazwischen konnten sie hier und da etwas Glitzern sehen, vermutlich zersplittertes Glas oder angelaufenes Metall. Zwar konnten sie auf diese Entfernung noch nicht allzu viel erkennen, aber das Ausmaß der Zerstörung war überdeutlich. Zwischen den verkohlten Trümmern hatte sich bisher nichts bewegt. Ichira hatte recht gehabt. Allein der Tod herrschte hier.
»Ichira? Was denkst du? Sollen wir-«
»Nein. Ich ... Wir sollten nicht dort hinuntergehen.« Auf ihrem Gesicht zeigte sich tiefe Bestürzung.
»Möglicherweise können wir herausfinden, was dort unten geschehen ist.« Er blickte auf die Überreste des Dorfes hinunter. »Vielleicht gibt es sogar noch jemanden, der unsere Hilfe braucht.«
»Ich weiß nicht«, sagte Ichira. »Ich möchte nicht dort hinuntergehen. Welchen Nutzen soll das haben?«
Rotpelz zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber schaden kann es doch auch nicht, oder? Wer weiß, vielleicht entdecken wir-«
»Bitte, Rotpelz«, unterbrach sie ihn. »Ich will dort nicht hingehen.«
Er blickte sie überrascht an, dann verstand er plötzlich. »Du kommst von hier, nicht wahr?« Sie nickte langsam, und er seufzte tief. »Das tut mir sehr leid, Ichira. Kein Wunder, daß du nicht dorthin gehen willst. Hast du gesehen, wie ...« Er wies auf das Dorf.
»Nein«, sagte sie schwach. »Ich war auf der Jagd, als der Angriff begann. Ich hörte die Schreie und den Kampfeslärm und bin zurückgelaufen. Vom Waldrand aus, ungefähr hier, wo wir jetzt stehen, habe ich dann beobachtet, wie sie unser Dorf überfallen und viele meiner Sippe verschleppt haben. Vermutlich haben sie auch einige getötet, zumindest diejenigen, die sich gegen sie wehren wollten.« Sie legte ihre Ohren an, und ihr Fell begann sich zu sträuben. »Und ich habe mich hier versteckt und zugesehen. Bis mich dann einer ihrer Späher entdeckte. Sie haben mich angegriffen; nur mit Mühe konnte ich ihnen entkommen.« Geistesabwesend fuhr sie sich mit einer Klaue über die Narbe in ihrem Gesicht. »Daß sie das Dorf niedergebrannt haben, habe ich nicht mehr gesehen. Ich bin wie ein Feigling geflohen, während viele meines Stammes dort unten ihr Leben verloren haben! AY!« Mit einem wilden Fauchen wirbelte sie herum und hieb mit ihrer Pranke nach einem Baumstamm, dessen Rinde dort zerfetzt auseinanderbrach, wo die nadelspitzen Krallen einschlugen.
»Und was hätte es ihnen genützt, wenn du dich auch hättest töten lassen?« Rotpelz machte einen Schritt auf sie zu, hielt sich aber außerhalb der Reichweite der Klauen. »Du hättest es nicht verhindern können, glaube mir. Gegen eine solche Übermacht hättest du keine Chancen gehabt.«
Als sie sich ihm wieder zuwandte, stand so tiefe Trauer in ihren Augen, daß es ihm in seinem Herzen stach. »Ich wäre vielleicht auch gestorben«, sagte sie bitter. »Aber ist es besser, mit eingeklemmtem Schwanz davonzulaufen? Besser, als für das Leben seiner Sippe zu kämpfen?«
Die erste Wut über ihre Schwäche schien verraucht, so wagte er sich wieder näher an sie heran und legte einen Arm um ihre Schulter. »Ich verstehe deinen Schmerz, auch wenn ich ihn nicht lindern kann. Doch glaube mir: Es ist keine Schande, daß du dein Leben gerettet hast. So bleibt dir noch die Möglichkeit, etwas für die Überlebenden deiner Sippe zu tun.«
»Ich habe sie gesehen, wie die Echsen sie wie Vieh vor sich hergetrieben haben. Es tat so weh, Rotpelz. Es tat so weh.« Ihre letzten Worte waren nur noch ein Flüstern.
Vorsichtig zog er sie an sich, und sie ließ sich seine Umarmung gefallen, erwiderte sie sogar. Er spürte, wie sie am ganzen Leib zitterte, während er sie in seinen Armen hielt. Ihre Krallen gruben sich mit leichtem Stechen in seine Haut, und er widerstand dem Impuls, sie fortzuwischen. Sanfte Worte der Ermutigung murmelnd hielt er ihren schlanken Körper fest. Er spürte ihr weiches Fell unter seinen Pfoten, während er ihr über den Rücken strich und wünschte sich, es gäbe glücklichere Umstände für die Nähe, die sie im Augenblick teilten.
»Es ... es tut mir leid«, murmelte sie, als sie sich schließlich von ihm löste.
Er lächelte. »Das muß es nicht. Du hast eine schwere Zeit erlebt, und ich bin froh, wenn ich dir helfen kann. Was meinst du? Sollen wir vielleicht doch ins Dorf gehen? Vielleicht finden wir etwas, das uns und deiner Sippe nützlich sein könnte.«
Sie zögerte ein wenig, bevor sie antwortete. »Ay. Ich denke, du hast recht. Es hat keinen Sinn, vor der Wahrheit davonzulaufen. Laß uns hinuntergehen.«
Den Weg den Hügel hinunter legten sie wesentlich langsamer zurück als den Rest der Strecke zuvor. Rotpelz ging dicht neben Ichira, paßte sich ihrem Tempo an, stoppte, wenn sie anhielt und ging weiter, wenn sie dazu bereit war. Offensichtlich kostete es sie einige Überwindung, sich dem grauenhaften Anblick zu stellen. Doch als sie schließlich den Rand des Trümmerfeldes erreichten, erwachte sie aus ihrer Lethargie und begann, sich genauer umzusehen.
»Das hier war die Hütte unserer Heilerin. Sie war ein sehr freundliches Weibchen. Ich hoffe, sie haben sie nicht umgebracht. Oder vielleicht sollte ich es nicht hoffen - wer weiß, was sie sonst jetzt für Qualen erdulden muß.« Mit betrübtem Gesicht sah sie sich um. »Ich kann es immer noch nicht glauben. Das alles hier war einmal meine Heimat, und jetzt ist nicht mehr davon übrig als ein Haufen verkohltes Holz.« Sie bückte sich, hob eines der Trümmerteile auf und schleuderte es wütend von sich. »Warum haben diese Echsen das getan? Es gab überhaupt keinen Grund dafür! Unser Dorf war immer friedlich gewesen.«
»Möglicherweise ging es ihnen auch nicht um irgendeinen Streit. Womöglich wollen sie das Land oder den Besitz. Was auch immer ihr Motiv sein mag, sie sind offensichtlich bereit, jedes Mittel einzusetzen, um an ihr Ziel zu gelangen.«
Ichira wanderte durch die Ruinen und blieb vor einem weiteren verkohlten Haufen stehen. Dort hockte sie sich nieder und begann, die Überreste zu durchwühlen. »Es ist nichts mehr da«, sagte sie leise. »Sie haben alles mitgenommen, einfach alles.«
»Die Hütte deiner Familie?« fragte Rotpelz, und sie nickte traurig. »Nun, dann scheint es, als wären deine Leute noch am Leben. Ich glaube nicht, daß sich die Echsen damit aufgehalten hätten, sie zu ... Na ja, du weißt sicher, was ich meine.« Er kratzte sich verlegen sein Nackenfell.
»Ja, das wird wohl richtig sein«, sagte sie. »Aber das macht es auch nicht leichter, weißt du? Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was nun mit ihnen geschieht. Das ist fast noch schlimmer als der Gedanke daran, daß sie tot sein könnten.« Sie verließ die Trümmer und ging zum Rande des Dorfes. Dort entdeckte sie Spuren von vielen Füßen, die das Gras aufgewühlt hatten. Der Regen hatte zwar eine Menge von ihnen verwischt, aber es war deutlich zu sehen, in welche Richtung sich die Echsen nach ihrem Angriff bewegt haben mußten. »Ich werde meine Sippe nicht ein zweites Mal im Stich lassen«, sagte sie, und jetzt war es die Entschlossenheit, die ihre Züge hart werden ließ.
»Du kannst sie aber jetzt nicht einfach so verfolgen«, gab Rotpelz zu bedenken. »Sie sind immer noch in der Überzahl, und es wäre reiner Selbstmord, ihnen nachzujagen.«
»Ich kann aber nicht einfach hier herumstehen und nichts tun«, fuhr sie ihn an. »Mein Stamm braucht Hilfe und wer weiß, wie viele andere auch. Wenn ich jetzt hierbleibe, könnte ich genausogut während ihres Angriffes gestorben sein.«
Rotpelz wußte, daß sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen würde. Zu stark waren die Gefühle, die jetzt in ihr lebten. »Wir könnten ihren Spuren folgen, aber ein Angriff wird nicht möglich sein. Wir brauchen Hilfe.«
»Wie auch immer, ich werde sie nicht einfach so davonziehen lassen.«
»Ich würde sagen, wir versuchen herauszufinden, wo sie sich versteckt halten. Wenn wir das erst einmal wissen können wir uns immer noch überlegen, wie wir ihnen einen Schlag versetzen können.« Eigentlich wollte Rotpelz so wenig wie möglich mit dieser Sache zu tun haben, aber auf diese Weise konnte er zumindest sicher sein, daß sie nicht geradewegs in ihr Unglück rannte. Was aber würde er tun, wenn sie sich schließlich doch dazu entschied, einen Angriff auf das Versteck der Echsen zu wagen?
»Ich weiß, daß du recht hast«, sagte sie schließlich, doch ihre Ohren waren angelegt. »Aber es tut so weh, verstehst du? Es schmerzt, wenn man weiß, daß man nichts unternehmen kann. Es ist einfach nicht gerecht.«
Rotpelz legte ihr behutsam einen Arm um die Taille, und sie wehrte sich nicht gegen seine Berührung. »Ich verstehe deine Gefühle. Ich glaube an deiner Stelle würde ich auch am liebsten losziehen, um diesen dreckigen, haarlosen Biestern mal kräftig in den schuppigen Hintern zu treten. Aber noch ist es nicht die Zeit dafür. Nicht, solange wir keine Hilfe haben.« Vorsichtig zog er sie an sich, und sie legte ihren Kopf an seine Brust. Er spürte ihren Herzschlag und ihren warmen Atem auf seinem Fell. »Laß uns fürs erste ihren Spuren folgen und ihr Versteck ausfindig machen, ay? Vielleicht ergibt sich bis dahin etwas.«
Sie nickte niedergeschlagen und blickte zu ihm auf - tief in seine Augen. »Danke, Rotpelz«, sagte sie.
»Wofür?«
»Dafür, daß du mich von einer ziemlichen Dummheit abgehalten hast. Ohne dich wäre ich jetzt wahrscheinlich schon-«
»Du mußt dich nicht bedanken«, unterbrach er sie mit sanfter Stimme. »Dein Leben ist zuviel wert, um einfach weggeworfen zu werden. Ich war nur derjenige, der dir das gesagt hat.«
Eine Zeitlang standen sie noch am Rande des zerstörten Dorfes. Dann wandten sie sich den Spuren zu, die sich deutlich sichtbar über die Graslandschaft zogen. Mit einem tiefen Seufzer rückte Rotpelz seinen Ranzen auf seinen Schultern zurecht und folgte Ichira, die bereits einige Schritte vorausgegangen war. Diese Katze würde ihn noch einmal in Schwierigkeiten bringen, das war offensichtlich. Er wunderte sich nur über die Tatsache, daß er das durchaus in Kauf nehmen würde.
Es bedurfte keiner besonderen Fähigkeiten, der Spur zu folgen. Sie zog sich als klare Linie über das Grasland, wo eine Vielzahl scharfer Krallen das Erdreich aufgewühlt hatte. Scheinbar waren sich die Echsen ihrer Überlegenheit sehr sicher, da sie keine Anstrengungen unternahmen, sich verborgen zu halten. Ihre Fährte führte in voller Sicht am Rande eines Waldes entlang, überquerte einen schmalen Bach und lief nahezu schnurgerade auf ein weiteres Waldstück zu. In einiger Entfernung dahinter waren die ersten Ausläufer eines Gebirges zu erkennen. Etwas abseits von ihrem Weg sahen sie einen Hof und beschlossen, die Bewohner nach den Echsen zu befragen. Doch als sie das Hauptgebäude erreichten, sahen sie die Tür lose in den Angeln hängen.
»Krallen und Zähne, hier waren sie auch schon«, fluchte Ichira und wies auf die Spuren, die den gesamten Vorplatz des Hofes überzogen. »Machen diese Mistkerle denn vor gar nichts Halt?«
»Ich frage mich, wozu sie sich mit so vielen Gefangenen belasten.« Rotpelz spähte vorsichtig um die zerstörte Tür in die sich dahinter anschließende Diele hinein. Dann zog er an der Messingklinke und zwängte sich hinein. Eine kurze Durchsuchung der Räume zeigte, daß man die Bewohner tatsächlich verschleppt hatte. Sogar die Vorräte und vermutlich auch so manchen Wertgegenstand hatten sie mitgenommen.
»Es mag seltsam sein, daß sie so viele verschleppen«, sagte Ichira, als sie den Hof verließen, um der Spur weiter zu folgen. »Aber so bleibt mir doch die Hoffnung, daß ich meine Familie eines Tages wiedersehe. Und das ist für mich das, was wirklich zählt.«
»Ich weiß«, sagte Rotpelz. »Aber merkwürdig ist es dennoch.«
Am späten Nachmittag hatten sie den Waldrand erreicht und tauchten in den Schatten der Bäume ein. Auch hier hatten die Echsen keine Anstalten gemacht, ihren Weg zu verbergen, und so kamen die beiden Verfolger zügig voran. Erst, als sich der Hunger in ihnen regte, beschlossen sie, sich einen geeigneten Rastplatz zu suchen. Kurz darauf erreichten sie den Rand eines Sees, der sich mitten im Wald befand und sich gut eine oder zwei Meilen weit erstreckte. Die untergehende Sonne warf ihre rotglühenden Strahlen auf die unruhige Wasserfläche, wo sie in alle Richtungen verteilt wurden. Hier schlugen sie ihr Lager auf, und Rotpelz bereitete seinen Bogen und ein paar Pfeile für die Jagd vor.
»Eigentlich jage ich ohne Waffen«, sagte Ichira, während sie ihm neugierig bei seiner Arbeit zusah.
»Hast du denn schon einmal mit einem Bogen geschossen?« fragte Rotpelz, eifrig damit beschäftigt, die Pfeile mit Federn zu versehen.
»Nein, bisher noch nicht. Aber ich würde es gerne einmal versuchen.«
Der Fuchs grinste fröhlich. »Ay, dann komm mit. Wir werden schon das eine oder andere Ziel finden, möchte ich wetten.« Er spannte die Bogensehne und wandte sich dann zusammen mit seiner Begleiterin dem dichten Wald zu. Leise bahnten sie sich ihren Weg durch das Unterholz, immer darauf bedacht, trockene Äste und Laub zu umgehen. Geführt von seinem gut ausgeprägten Geruchssinn und ihrem Gehör erspähten sie auch schon bald einen Hasen, der mit seinen Vorderläufen im Laub herumbuddelte. Lautlos reichte Rotpelz den Bogen an Ichira weiter und führte ihre Pfoten, als sie den Pfeil auf die Sehne legte. Sie zog den Pfeil zurück, spannte den Bogen und zielte. Rotpelz beobachtete das Spiel der Muskeln unter ihrem dunklen Fell und den konzentrierten Blick ihrer Augen, den nur eine Katze so perfekt zu zeigen vermochte. Ihre Schnurrhaare vibrierten vor Anspannung, dann sauste der Pfeil los. Der Hase hatte gerade noch die Zeit, aufzuschrecken und die Löffel hochzustellen, als er schon von dem tödlichen Geschoß getroffen wurde. Ein kurzes Quieken, ein letztes Zucken in den Hinterläufen, und dann lag er still. Rotpelz staunte: Der Pfeil hatte den Hals sauber von der einen Seite zur anderen durchschlagen. Ichira schien noch verwunderter als er selbst zu sein. Sie blickte immer wieder von dem Bogen zu ihrem Opfer hin und zurück, während ihr Schwanz nervös hin- und herzuckte.
»Guter Schuß«, sagte der Fuchs schließlich, nachdem er seine Sprache wiedergefunden hatte, und nahm ihr den Bogen aus der Hand. »Jetzt sollten wir den kleinen Kerl da aber zubereiten, oder hast du keinen Hunger mehr?«
»Doch, natürlich«, sagte sie schließlich. »Ich bin nur ein wenig überrascht, das ist alles.« Sie ging zu dem Hasen hinüber und hob ihn an den Löffeln hoch. »Ay! Ein Prachtexemplar! Da haben wir bis morgen genug dran.«
Gemeinsam kehrten sie zu ihrem Lagerplatz zurück und bereiteten das Abendessen zu. Rotpelz sammelte trockenes Holz zusammen und entfachte ein Lagerfeuer, während sie sich mit ihrer Beute beschäftigte. Mit Hilfe ihrer Klauen trennte sie das Fell sauber vom Rest des Körpers ab und zerteilte das Fleisch in vier Portionen. Zwei davon rollte sie in das Fell ein, während sie die anderen beiden auf jeweils einen dünnen Stock spießte. Rotpelz steuerte noch ein paar Kräuter aus einem seiner Beutel bei; dann brieten sie das Fleisch über dem Feuer.
Wenig später saßen sie gesättigt nebeneinander und blickten auf das klare Wasser des Sees. Der kühle Wind half ein wenig gegen die Hitze, die am Tage geherrscht hatte, und Rotpelz genoß es sichtlich. Ichira dagegen fröstelte ein wenig und rückte näher an das Feuer heran. Die Wellen hatten sich mittlerweile gelegt, was den See nun wie einen riesigen, flüssigen Spiegel wirken ließ. Die Reflexion des Mondes und die der Sterne auf seiner Oberfläche vermittelte den Eindruck eines zweiten Himmels zu ihren Füßen.
Ichira hatte sich wieder in Rotpelz' Decke gehüllt und blickte ins Feuer. Ihre Gedanken waren erneut zu ihrer Familie zurückgewandert, wie der Fuchs vermutete. Das dunkle Gesicht verschwamm im flackernden Licht der Flammen zu einer schwarzen Fläche, die dort, wo die Schnurrhaare und ihr Pelz das Leuchten zurückwarfen, von tanzenden Funken unterbrochen wurde. Einzig ihre Augen waren stetig sichtbar und glommen wie zwei Kohlen in einem erkaltenden Becken. Darüber war ab und an ein heller Fleck sichtbar, je nachdem, wie sie ihren Kopf drehte. Erst als sie ihn anblickte und mit einer Pfote darüberfuhr bemerkte Rotpelz, daß er gestarrt hatte. »Ay! Entschuldige«, sagte er. »Ich wollte dich nicht kränken.«
»Ist schon gut«, sagte sie leise. »Es macht mir nichts aus.«
»Was ist passiert? Ich meine, auf deiner Stirn dieser Fleck. Es sieht aus, als wenn man dir dort das Fell rasiert hätte.«
Sie lächelte halbherzig. »Das ist sogar fast richtig«, sagte sie. »In unserer Sippe herrscht der Brauch, je nach Stand und Familie ein Stammeszeichen zu tragen, eingeflochten in das Fell der Stirn. Damit es besser sitzt wird vorher ein Teil des Pelzes abgeschnitten. Meines war ein grüner Stein, eingefaßt in ein Drahtgestell aus Messing. Bei meiner Auseinandersetzung mit diesen Echsen hat es eine von ihnen herausgerissen. Vermutlich dachte sie, es wäre etwas wert. Dabei findet man diese Art von Steinen fast überall in diesem Gebiet.« Sie erzählte dies mit ruhiger Stimme, aber Rotpelz fühlte ihre Anspannung. Vermutlich war sie über den Verlust dieses Kleinods stärker aufgebracht, als sie es zugeben wollte. Es wäre ihre letzte Erinnerung an das Dorf und ihren Stamm gewesen.
»Jeder von euch hat so ein Zeichen getragen?«
»Nun, jeder, der die sechste Sonne hinter sich gelassen hatte, ay«, erklärte sie. »Ich gehörte zu den Jägern, daher bekam ich einen grünen Stein. Und das Zeichen meiner Familie war der Kreis. Also wurde der Stein auch in dieser Form geschliffen. Wenn man einen Partner wählt, oder den Beruf wechselt, wird auch meist das Zeichen geändert, aber es ist nicht unbedingt notwendig. In einem solch kleinen Dorf weiß ohnehin jeder, wer und was man ist. Dennoch gilt es bei uns als ein besonderes Ereignis, wenn man sein Zeichen bekommt.«
»Ein schöner Brauch«, sagte Rotpelz. »Ich hätte zu gerne gesehen, wie der Stein zu deinem Fell paßt. Er muß wunderschön gewesen sein.«
Ichira winkte lächelnd ab. »Ein durchsichtiger, grüner Kiesel, nicht mehr«, sagte sie. Rotpelz sagte nichts, sondern sah ihr nur lächelnd in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick und schüttelte dann langsam den Kopf. Ihre Stimme wurde sanft: »Du bist schon ein merkwürdiger Fuchs.«
»Oh? Wie kommst du darauf?« Er tat entrüstet.
»Ich frage mich, warum du überhaupt mit mir ziehst. Es ist nicht deine Sippe, die in die Hände der Echsen geraten ist, und doch hilfst du mir.«
»Wie könnte ich nicht? Diese Untiere haben ein großes Unrecht begangen, da kann ich nicht einfach so wegsehen und meiner Wege ziehen. Wenn ihnen nicht jemand Einhalt gebietet, werden sie so weiter machen und noch mehr unschuldige Leute versklaven.«
Sie legte den Kopf ein wenig zur Seite und lächelte. »Aber das alleine ist bestimmt nicht der Grund, ay?«
Rotpelz wandte sich verlegen ab. »Nein«, sagte er schließlich. »Ich muß zugeben, daß ich auch aus einem anderen Grund mit dir Reise. Ich schätze deine Gesellschaft sehr, und ich möchte nicht, daß dir etwas zustößt.« Sein Blick wanderte zurück zu dem Schatten, der ihr Gesicht war. »Ich hoffe, das hört sich jetzt nicht zu albern an.«
»Nein, das tut es nicht. Ich mag dich nämlich auch, Rotpelz. Ich hoffe nur, daß sich unsere Wege nicht allzu bald trennen.« Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. »Gute Nacht, Freund Fuchs.«
»Gute Nacht, Ichira.«
Schweigend saß er am Feuer und blickte in die kleinen, tanzenden Flammen. Seine Gedanken überschlugen sich, während er über ihre Worte nachgrübelte. Sie mochte ihn, hatte sie gesagt. Aber warum fürchtete sie eine Trennung? Würde sie ihn verlassen wollen? Aber wenn sie ihn doch gern hatte - oder war es nicht das, was sie gemeint hatte? Vielleicht mochte sie ihn nur für das, was er für sie getan hatte, nicht mehr. Oder fürchtete sie sich davor, mehr zu fühlen? Während er sich diese Fragen in seinem Kopf wieder und wieder stellte, beobachtete er sie, wie sie ruhig und gleichmäßig atmete. Nun, er war sich zumindest sicher, daß er sie mehr mochte als jede andere Person, der er auf seinen Reisen bisher begegnet war. Was würde er aber tun, wenn sie seine Gefühle nicht erwiderte? Könnte er das überstehen; könnte er damit leben?
»Die Liebe ist launisch wie das Wetter«, hatte ihm sein Vater mal gesagt. »Du weißt nie, was sie als nächstes anrichten wird, wem sie Sonne und wem Regen schenkt. Der eine hört nur den fernen Donner, und der andere verspürt den Blitz.« Liebe - war es das, was er für sie empfand? Ay, er hatte den starken Verdacht, daß es genau so war.
Ichira regte sich im Schlaf und murmelte etwas Unverständliches. Ihre Lefzen zogen sich zurück und entblößten eine Reihe kräftiger Zähne. Ein tiefes Knurren drang aus ihrer Kehle, während ihre Augen hinter den geschlossenen Lidern hektisch hin- und herschossen. Die Spitzen ihrer Pfoten zuckten.
Dunkelheit, Rufe und Schreie. Flucht vor den bösartigen Kreaturen. Ihre Beine tragen sie so schnell sie können durch das widerspenstige Farnkraut, das sich mannshoch vor ihr auftürmt. Die dünnen Stengel reißen an ihrem Fell, versuchen, sie zurückzuhalten. Verbissen kämpft sie sich weiter, doch da taucht vor ihr ein Schatten auf. Mit einem Schrei schreckt sie zurück, als sie in die kalten, unbewegten Augen blickt. Nur einen Herzschlag später fühlt sie, wie starke Pranken sie von hinten packen und festhalten. Kalte Echsenschuppen pressen sich in ihren Rücken, eine Klaue erhebt sich. Sie versucht sich loszureißen, doch sie ist zu schwach. Die Klaue saust nieder, ein Reißen in ihrem Gesicht - auf ihrer Stirn. Mit Schmerzensgeheul tritt und schlägt sie nach den Angreifern, die jedoch nicht von ihr ablassen wollen. Mehr Schläge und Schmerzen prasseln auf sie nieder - der Geruch nach warmem Blut erfüllt ihre Nüstern. Kalte, durchdringende Blicke scheinen sie bis in ihre Seele zu durchbohren, und sie schreit - schreit ...
Mit einem Ruck richtete Ichira sich auf und öffnete die Augen. Ihre Krallen waren ausgefahren, und ein lautes Fauchen kam aus ihrem Mund. Rotpelz versuchte, gleichzeitig ihre Krallen von seinem Fell fernzuhalten und Ichira wieder in die Wirklichkeit zurückzuholen. »Ay! Ichira! Wach auf! Du träumst nur!«
Mit wildem Blick wandte sie den Kopf hin und her, ihr Fell sträubte sich, und ihre Ohren hatte sie vollständig angelegt. Doch langsam schien sie zu begreifen, wo sie war. Sie erkannte den Fuchs und legte sich wieder zurück.
»Bist du in Ordnung?« fragte Rotpelz und strich ihr behutsam über die Stirn.
Sie nickte. »Was für ein Alptraum! Ich war wieder im Wald, und die Echsen verfolgten mich. Dieses Mal gab es für mich kein Entkommen ...« Sie seufze tief. »Es tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe.«
»Ist halb so wild«, sagte er. »Denkst du, daß du weiterschlafen kannst?«
Sie nickte. »Ay. Ich glaube schon.« Sie richtete sich halb auf und leckte ihm flüchtig mit ihrer rauhen Zunge über die Wange. Dann ließ sie sich wieder zurücksinken. »Gute Nacht.«
»Ja, schlaf gut.« Er beugte sich ein wenig zu ihr hinab, stand dann aber mit einem Ruck auf und nahm seinen Mantel aus dem Rucksack. Dann breitete er das feste Leder auf dem Boden neben ihrer Decke aus und legte sich ebenfalls nieder. Er spürte noch die kühle Feuchtigkeit auf seiner Wange, die im Kontrast zu der Wärme stand, die sich in seinem Innern auszubreiten begann. Aber trotz seiner aufgewühlten Gefühle gelang es ihm in kurzer Zeit einzuschlafen.
3
Michiki öffnete die Augen. Die Luft um ihn herum roch abgestanden, und seine Knochen schmerzten immer noch von den gestrigen Anstrengungen. Sein spartanisches Strohlager auf dem harten Steinboden hatte nicht dazu beitragen können, daß sich seine steifen Glieder erholen konnten. Aber daran hatte er sich mittlerweile schon fast gewöhnt. Die anderen schliefen zum großen Teil noch, also verhielt er sich ruhig, um die ohnehin seltene Ruhe, die sie bekommen konnten, nicht zu stören. Lautlos setzte er sich auf und drehte den Kopf auf seinem Nacken hin und her, um die Verspannungen wenigstens ansatzweise zu lösen. Sein Magen meldete sich auch schon wieder, doch das mußte warten, bis sie das nächste Mal etwas zu essen bekamen.
Ohne ein Geräusch zu machen, stand das Frettchen auf und ging zwischen den schlafenden Körpern hindurch zu dem großen Wassertrog. Er füllte sich eine Schale mit dem kühlen, abgestandenen Naß und probierte es mit flinken Bewegungen seiner Zunge. Mit einem Achselzucken entschied er, daß es trinkbar war und nahm einen tiefen Zug. Dann legte er die Schale beiseite und ging zu seinem Lager zurück, um noch ein paar Minuten zu rasten. Jeden Augenblick konnten die Wächter kommen und sie zur Arbeit schicken, da wollte er alle Zeit nutzen, um seinem Körper Ruhe zu gönnen.
Aus einer der dunklen Ecken des Raumes hörte er ein röchelndes Husten. Das war vermutlich Verrin, einer der ältesten Gefangenen in dieser Gruppe. Als Michiki hierhergekommen war, hatte der Rüde schon sehr schwach und krank ausgesehen. Er war überrascht, wieviel Kraft und Überlebenswille noch in diesen alten Knochen steckte. Doch so langsam schienen sich diese Reserven zu erschöpfen. Michiki hatte schon mehrere hier unten sterben sehen, und er fürchtete, daß Verrin der nächste sein würde.
Das Frettchen blickte sich unter den schlafenden Gefangenen um. Sie waren allesamt unterernährt und ihr Fell schmutzig und stumpf. Manche hatte die Arbeit kräftig und hart werden lassen, aber andere waren ausgezehrt und hielten sich nur noch mit Mühe und aus Angst vor dem Tod aufrecht. In diese Gruppe kamen nur die, die sich in irgendeiner Weise massiv gegen ihre Gefangenschaft aufgelehnt oder gewehrt hatten. Michiki gehörte nicht dazu, aber er wurde auch nicht für die harte Arbeit eingesetzt; ein Junges von kaum zwölf Sonnen konnte ohnehin nicht allzu schwere körperliche Aufgaben verrichten, das war sogar den Echsen bekannt. Er gehörte zu den Versorgern.
Die Ruhezeit ging viel zu schnell vorbei. Plötzlich klapperte es an der stählernen Gittertür am anderen Ende des Raumes und eine der Wachen kam herein. »Aufstehen zur Arbeit!« rief die Echse erbarmungslos laut. Dabei klopfte er mit seinem Speer auf den Schild, den er an seiner Seite trug, um die Arbeiter aufzurütteln. Einer nach dem anderen erwachten die Gefangenen und standen widerwillig auf. Der Wächter wartete, bis alle auf den Beinen waren. »In einer Reihe hintereinander aufstellen und mir folgen. Versorger!« rief er, und Michiki ging zu ihm hinüber, um seinen Platz direkt hinter ihm einzunehmen. Die anderen sammelten sich in einer ungeordneten Schlange und folgten dem Wachmann, der sie durch die Stollen zu ihrem Arbeitsplatz führte.
Als sie die große Höhle erreichten, ging Michiki sogleich zu dem Wasserkessel und begann, die beiden Eimer zu füllen, die daneben standen. Der riesige Raum wurde durch zahllose Fackeln erleuchtet, deren flackerndes Licht gespenstische Schatten an die dunklen Wände warf. Jeder der Arbeiter seiner Gruppe nahm sich eine Spitzhacke oder Schaufel von dem in der Mitte liegenden Haufen und begab sich dorthin, wo im Augenblick Erz abgebaut wurde. Andere Gruppen waren bereits hier und bedienten die Blasebälge der Schmelzöfen oder luden die fertig gegossenen Metallbarren auf Loren, die von wieder anderen fortgezogen wurden. Überall standen Echsenwachen, bewaffnet mit Speer und Schild, während an den Zugängen Boten und Läufer auf Nachrichten warteten oder bereit waren, Alarmrufe an die Soldaten außerhalb des Arbeitslagers weiterzugeben.
Michiki hatte nun seine Eimer gefüllt und hakte sie zu beiden Seiten des Tragejochs ein, das er sich dann auf die Schultern hob. Er stöhnte ein wenig unter dem Gewicht und richtete sich dann auf. Seine mißhandelten Muskeln protestierten, aber er biß die Zähne zusammen. Langsam machte er die ersten Schritte und bewegte sich voran. Es dauerte nur eine kurze Zeit, bis er sich wieder an das Gewicht der Eimer gewöhnt hatte. Mit seiner Ladung ging er nun von einer Arbeitsstelle zur nächsten und verteilte Wasser an die, die es brauchten und säuberte auch die eine oder andere Wunde. Hier und da sprach er auch einige Worte mit den Arbeitern, doch er achtete darauf, nicht zu lange an einer Stelle zu verharren. Schon zu oft hatte er deswegen gehörige Probleme mit den Wachen bekommen, und ein Schlag mit der stumpfen Seite eines Speeres war noch das Mildeste, was ihn dafür erwarten konnte.
Ab und an begegnete ihm einer der anderen Versorger, der Brot bei sich hatte. Er ließ sich ein kleines Stück geben und kaute lange auf jedem Bissen herum, während er seine Runde machte. Wie er erwartet hatte, waren seine Gefäße nach seinem Besuch bei den Schmelzern leer. So nahm er den direkten Weg zurück zum Wassertank und füllte die Eimer erneut auf. Er war gerade damit fertig geworden, als er schwere Schritte hinter sich hörte. Erschreckt wandte er sich um.
»Pack deine Eimer und komm mit«, herrschte ihn die Echsenwache an. »Es gibt etwas zu tun für dich.« Ohne ein weiteres Wort wandte er sich um und stapfte voraus.
Michiki beeilte sich, das Joch wieder aufzunehmen und der Echse zu folgen, die zielstrebig auf einen der Ausgänge der Höhle zuhielt. Sie gingen einen Tunnel entlang und erreichten nach kurzer Zeit eine andere Höhle, die Michiki bereits kannte. Als sie dort stehenblieben, keuchte er unter der Last des Joches und setzte die Eimer ab.
Vor sich in der Höhle sah er, was er bereits erwartet hatte. Eine Gruppe Neuankömmlinge drängte sich verängstigt und erschöpft zu einem Haufen zusammen. Es waren allesamt Katzen, vermutlich ein Stamm, dessen Dorf den Echsen zum Opfer gefallen war. Sie schienen gerade erst angekommen zu sein; die meisten von ihnen atmeten schwer, und sie trugen noch die eisernen Fußfesseln, die sie an eine lange Kette banden. Der Wächter machte eine Geste, woraufhin Michiki einen der Eimer und seine Schöpfkelle nahm und zu den Gefangenen hinüberging. »Hier ist Wasser«, sagte er immer dann, wenn er einen von ihnen erreicht hatte. »Nimm einen Schluck und verhalte dich ruhig, dann wird es für dich nicht schwerer als notwendig.« Er ging von einem zum nächsten, bis sein Eimer leer war. Dann lief er zurück, um das zweite Gefäß zu holen.
Während er nun die restlichen Gefangenen versorgte und dabei immer seinen Spruch wiederholte, fiel sein Blick auf einen der Kater. Er war ungewöhnlich groß, und sein Gesicht verriet Stolz. Auch zu ihm murmelte er seine gut gemeinten Worte, doch er erntete nur ein abfälliges Schnauben. Als er gerade weitergehen wollte, hielt der Kater ihn am Pfotengelenk fest. »Ay! Ich kann nicht bleiben«, sagte Michiki. »Die Wache wird sonst unruhig.« Er befreite sich sanft aber bestimmt und ging weiter. Dabei behielt er den großen Kater weiterhin im Auge der ihn ebenfalls beobachtete. Er war sich sicher, daß es mit dem noch Ärger geben würde - er kannte den Ausdruck in diesem Gesicht; viele von denen, die jetzt in seiner Gruppe schufteten, waren einst mit diesem Blick hierhergekommen.
»Du bist hier jetzt fertig«, sagte der Wächter und wandte sich an Michiki. »Geh zurück an deine Arbeit.«
Das Frettchen nahm sich seine Ausrüstung und verließ die Gruppe der Neuankömmlinge. Schon bald war er wieder zurück in der Arbeitshöhle, wo die ersten schon wieder nach Wasser riefen. Also füllte er von neuem seine Eimer um die durstigen Kehlen und überhitzten Körper zu versorgen.
Etwa eine oder zwei Stunden später - wer konnte in dieser Eintönigkeit die Zeit so genau bestimmen - sah er den Kater zum ersten Mal wieder. Er wurde von zwei Wachen begleitet und zu den Loren geführt. Es gab einen kurzen Austausch zwischen der Eskorte und dem Aufseher, und schließlich ließen sie ihn dort zurück. Als Michiki das nächste Mal hinsah, war er bereits damit beschäftigt, die schweren Metallbarren in die Wagen einzuladen. An seinem Gesicht konnte das Frettchen ablesen, daß er vor Wut geradezu kochte, aber glücklicherweise hielt er seine Gefühle im Zaum.
Plötzlich erschütterte eine Explosion den Raum. Von den Arbeitern der Schmelze waren Hilferufe zu vernehmen. Der gesamte hintere Bereich der Höhle war in dichte Rauchschwaden gehüllt, und die Wächter eilten bereits dorthin. Einer von ihnen packte Michiki beim Arm und schleifte ihn mit. Das Frettchen hatte Mühe, seine Last nicht fallenzulassen, hielt aber mit. Aus dem Augenwinkel sah er gerade noch, wie auch einige der Gefangenen den Weg zur Unglücksstelle einschlugen. Der Qualm hüllte sie ein, brachte ihre Augen zum Tränen und machte das Atmen mühsam. Michiki tauchte eines seiner Tücher ins Wasser und band es sich vor den Mund. Dann begann er mit den anderen die Arbeiter aus der Gefahrenzone zu bergen. Scheinbar hatte sich einer der Schmelztiegel aus der Aufhängung gelöst und war umgekippt. Der Inhalt hatte sich dann in den Ofen ergossen, der durch den Aufprall in die Luft geflogen war. Überall roch es nach verbranntem Fell, und Verletzte schrien um Hilfe.
Als das Frettchen ein weiteres Mal aus dem dunstigen Bereich heraustrat und einen Verletzten stützte sah er, wie ein paar der Arbeiter aus der Verladezone sich an der Ausrüstung für die Bergleute zu schaffen machten. Einer der Wächter wurde von hinten niedergeschlagen, während ein anderer von einer Spitzhacke getroffen zu Boden ging. Der Kater war mit bei den Aufrührern, er beugte sich über eine der hilflosen Echsen und nahm sich dessen Speer. Die Krallen der anderen Pranke waren ausgefahren, seine Ohren angelegt, und die Lefzen entblößten ein stattliches Gebiß. Wenige Sekunden später waren weitere Wachposten eingetroffen, die sich den Rebellen entgegenstellten. Wie versteinert starrte Michiki zu den Kämpfenden hinüber. Der Kater streckte zwei Wachen nieder, bevor er gepackt und zu Boden gedrückt wurde. Ein kräftiger Tritt eines beschlagenen Stiefels traf sein Gesicht, woraufhin er leblos zusammenklappte. Die anderen Aufrührer wurden schnell entwaffnet und abgeführt. Drei der Wachen blieben zurück und scharten sich um den Kater, der offensichtlich den Aufstand angezettelt hatte. Einer von ihnen griff in das Fell seiner Stirn und zog seinen Kopf nach oben - ohne eine Reaktion. Dann packten sie ihn und schleiften ihn fort.
Michiki stand immer noch unbeweglich an der Stelle, von der aus er den Kampf beobachtet hatte, als ihn eine Bewegung hinter sich aufschreckte. Er wandte sich um und sah in das verärgerte Gesicht eines der Wachposten. Seine Rüstung war rußig und hatte ihren Glanz völlig verloren.
»He, du!« rief der Wächter ihm zu. »Steh da nicht rum und gaffe, sondern besorg Wasser und Tücher, so viel du tragen kannst.«
Ohne weitere Verzögerung wandte das Frettchen sich um und lief mit einem seiner Eimer zum Wasserspeicher. Er konnte im Augenblick ohnehin nichts für den Kater tun; er hoffte nur, daß er die Behandlung überlebt hatte. Im Moment waren aber die Verletzten wichtiger. Er holte also Wasser und schnappte sich einen Stapel der schmutzigen Stoffetzen. So beladen kehrte er zur Schmelze zurück, wo mittlerweile der Dunst ein wenig durch den hohen Kamin abgezogen war.
Der Rest des Arbeitstages drehte sich für ihn nur noch um die Versorgung der Verletzten. Viele Arbeiter hatten etwas Fell eingebüßt, es gab zwei Knochenbrüche, und einer der Schmelzer war bei dem Unfall sogar gestorben. Michiki half, so gut er konnte - es kam recht häufig vor, daß sich jemand bei der Arbeit eine Verletzung zuzog, daher kannte er sich mit der Behandlung von Wunden recht gut aus, aber noch nie hatte es einen derartigen Fall gegeben. Mehr als einmal mußte er zurück, um frisches Wasser und mehr Tücher zu holen. Doch schließlich war es geschafft, und die Aufräumarbeiten konnten beginnen. Für ihn war allerdings der Tag vorbei. Er wurde zusammen mit seiner Gruppe zurück in das Quartier geführt. Dort hielten sich die meisten nicht mehr lange mit anderen Dingen auf, sondern fielen erschöpft auf ihre schmutzigen Lager, um sich für den nächsten Morgen auszuruhen. Ein weiterer harter Tag hatte hier sein Ende gefunden.
Michiki war heute weniger ausgepumpt als üblich. Er hatte genügend Zeit zum Ausruhen gefunden und war daher hellwach, als die Wächter unvermittelt die Gittertür öffneten. Im schwachen Fackelschein konnte er zwei Echsen sehen, die eine dritte Gestalt mit sich schleiften. Der reglose Körper wurde bei einem freien Lager unsanft fallengelassen, und die Wächter zogen sich wieder zurück - sie murmelten etwas in ihrer eigenen, zischelnden Sprache, was gelegentlich durch kehliges Lachen unterbrochen wurde.
Als die Echsen gegangen waren, richtete das Frettchen sich auf und blickte neugierig zu der zusammengesunkenen Gestalt hinüber. Dann stand er auf, ging zum Wassertrog und füllte die Schale. Mit vorsichtigen Schritten trug er das Wasser durch den Raum und kniete sich neben dem Körper hin. Vorsichtig setzte er die Schale ab und berührte die Schulter des Katers, den er nun erkennen konnte. Das einzige Lebenszeichen war ein leichtes Zucken, das sich durch den Körper zog. Vorsichtig führte Michiki seine Hand am Fell der Schulter entlang zum Kopf und schob sie unter das Kinn.
Plötzlich fuhr der Kater herum, packte das überraschte Frettchen und warf es zu Boden. Michiki quiekte keuchend, und seine Augen weiteten sich in Panik, als er die haßverzerrte Fratze des anderen sah. Spitze Krallen bohrten sich in seinen Hals. »Bitte nicht!« brachte er stöhnend heraus. »Ich will dir helfen! Glaube mir!«
Während der folgenden Sekunden wagte Michiki kaum zu atmen. Als der Kater dann schließlich von ihm abließ, blieb er noch einige Herzschläge liegen, bevor er sich langsam wieder aufrichtete. Da sah er, daß der Kater ihn verwirrt anstarrte. »Es tut mir leid«, sagte er mit einer tiefen, rauhen Stimme. »Ich wollte dich nicht erschrecken.«
»Schon vergessen«, sagte das Frettchen und wischte sich den gröbsten Schmutz aus dem Fell. »Ich dachte, du wärest vielleicht durstig.« Er blickte zu der Blechschale hinüber, deren Inhalt sich bei der Attacke des Katers über den Boden verteilt hatte. »Warte, ich werde dir etwas Wasser holen.« Er stand auf und ging wieder zum Wassertrog, während er sich unbewußt am Hals kratzte. Mit dem erneut gefüllten Gefäß ging er zurück und gab dem großen Kater das Wasser. Mit tiefen Schlucken leerte dieser die Schale. Michiki beobachtete ihn dabei. Sein Körper wies eine Vielzahl von frischen Wunden auf, vermutlich hatten ihn die Echsen für seinen Aufstand brutal bestraft. Sein Gesicht sah auch nicht viel besser aus; er hatte einiges an Fell verloren, und mitten auf seiner Stirn prangte eine kreisrunde, kahle Stelle. Doch dann fiel ihm ein, daß er dieses Merkmal bereits zuvor gesehen hatte.
»Danke, Freund«, sagte er und gab die Schale zurück.
»Ay.« Michiki stellte das Gefäß auf den Boden. »Keine Ursache. Sie haben dich ganz schön zugerichtet.« Der Kater knurrte nur. »Sayh. Ich bin Michiki. Wie heißt du?«
»Pcherro. Sayh.« Er legte sich zurück und verzog dabei das Gesicht vor Schmerzen. »Krallen und Zähne! Diese verfluchten Echsen haben mir alle Knochen im Leib gebrochen.«
»Ich habe leider keine Tücher hier, sonst würde ich dir jetzt einige hübsche Bandagen verpassen.« Michiki grinste. »Jedenfalls siehst du schrecklich aus.«
»Du verstehst es wirklich, einem Mut zu machen. Du kannst mir glauben: Wenn ich einen von denen zwischen die Krallen bekomme-«
»Am besten läßt du ihn dann in Frieden«, unterbrach Michiki ihn schnell. »Du hast ja erlebt, was die mit einem anstellen, wenn sie erst einmal wütend sind. Hier sitzen wir leider am kürzeren Hebel.« Das Frettchen schwieg einen Moment lang und beschloß dann, den Kater von seinen selbstmörderischen Plänen abzubringen. »Wo kommst du her?« fragte er schließlich. »Wie haben die Echsen euch erwischt?«
»Ich weiß nicht, ob ich darüber sprechen will«, knurrte Pcherro leise.
Michiki zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hilft es dir ja ein bißchen«, schlug er vor. »Mir geht es auch immer schlecht, wenn ich an meine Heimat denke, aber irgendwie tut es auch gut. Möchtest du es nicht doch versuchen?«
»Es ist doch egal, wo ich herkomme, oder? Wie es aussieht, werde ich sowieso in diesem Loch versauern.«
Michiki antwortete nicht. Es gab keinen Ausweg, das wußte er genauso gut wie der Kater. Aber es zuzugeben hieße, sein Leben aufzugeben. Und das wollte er nicht. Er hatte immer noch die Hoffnung, daß sich eines Tages etwas ändern würde und man sie hier herausholte. Solange wollte er sein Fell so gut wie möglich schützen.
»Ich bin in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Schattenbach aufgewachsen«, begann Pcherro unvermittelt. »Es war nicht mehr als ein kleiner Haufen Hütten, in denen sich unser Stamm niedergelassen hatte. Wir lebten größtenteils von der Jagd und dem Handel, den wir mit den umliegenden Höfen und Dörfern trieben. Meine Familie gehörte zu den Jägern; Vater, Mutter und meine Schwester, wir alle trugen das Stammeszeichen der Jäger.« Mit diesen Worten fuhr er sich mit der Pfote über die kahle Stelle an seiner Stirn. »Sie haben sie uns abgenommen; wahrscheinlich dachten sie, daß sie einen gewissen Wert hätten. Aber sie bestehen nur aus ein bißchen Metall und einigen bunten Kieselsteinen.« Er lachte leise, als freue er sich über das Mißgeschick. »Als die Echsen dann kamen, waren wir nahezu wehrlos. Unser Stamm hat immer in Frieden gelebt und so auch nie wirkliche Waffen besessen. Natürlich haben wir uns verteidigt, und einige von uns wären auch fast entkommen. Doch schließlich haben sie alle in ihre Gewalt gebracht, oder getötet. So wie sie meine Schwester umgebracht haben.«
»Warst du dabei, als sie ...« Michiki hielt inne, weil er nicht genau wußte, wie er die Frage stellen sollte.
»Nein«, sagte Pcherro. »Aber ich bin mir sicher, daß sie es nicht überlebt hat. Ansonsten wäre sie hier mit den anderen.« Sein Gesicht verdüsterte sich zu einer trauernden Miene. »Wer weiß. Vielleicht ist es besser für sie«, flüsterte er beinahe unhörbar.
»Und wenn sie geflohen ist? Vielleicht ist sie den Echsen doch entkommen.«
Der Kater schüttelte den Kopf. »Ich hätte es auch beinahe geschafft. Bis hin zum Rand des Waldes bin ich geflohen. Dort habe ich dann ihr Stammeszeichen im Laub gefunden. Sie mußten sie also dort erwischt haben, denn so ohne weiteres kann man sein Zeichen nicht verlieren. Es wird fest in den Pelz der Stirn eingeflochten.« Er deutete mit einer Pfote auf die entsprechende Stelle. Die Ränder des Fleckes waren unregelmäßig ausgefranst. »Du kannst dir sicher vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als ich das Zeichen in meiner Hand hielt. Deshalb haben sie mich auch dort oben überwältigen können. Dann haben sie uns fünf Tage lang quer durch das Land getrieben, bis hierher. Und den Rest kennst du ja.«
Michiki nickte. »Du hättest die Wächter nicht angreifen sollen«, sagte er schließlich. »An den Loren wäre es dir besser ergangen. Hier wartet nur harte Arbeit auf dich.«
Pcherro zuckte mit den Schultern. »Was soll mir noch Schlimmeres passieren? Meine Sippe ist vollständig in der Gewalt der Echsen, meine geliebte Schwester lebt nicht mehr, und ich werde wohl auch bald den Weg der Ewigen Wälder gehen.«
Michiki tat es in der Seele weh, diesen kräftigen Kater so am Boden zerstört zu sehen, der vor weniger als ein paar Minuten noch voller Tatendrang gesteckt hatte. »Wenn es nach mir geht, können die Ewigen Wälder ruhig noch ein wenig auf mich warten. Irgendwann werden wir einen Weg hier hinaus finden. Auch wenn es jetzt nicht so aussieht.«
Der Kater versetzte dem kleinen Frettchen einen spielerischen Klaps mit der Pfote. »Ay! Wenn du das sagst.« Und damit zog sich ein schwaches Lächeln über seine Züge. »Aber vorher werden wir uns erst einmal ausruhen. Ich schätze, wir werden es gebrauchen können.«
Michiki nickte grinsend. »Also schlaf gut. Und denke daran, die Wächter nicht zu bedrohen. Das nächste Mal werden sie dich nicht so leicht davonkommen lassen.« Er erwiderte den jetzt wieder düsteren Blick des Katers und begab sich dann wieder zu seinem Lager zurück. Die meisten der anderen Gefangenen schliefen bereits, wie ihr regelmäßiges Atmen vermuten ließ. Das Frettchen hoffte, daß man sie nicht allzu früh wieder zur Arbeit holte.
Natürlich war diese Hoffnung nicht viel mehr als ein frommer Wunsch. Es kam ihm vor, als hätte er gerade erst die Augen geschlossen, als sie schon wieder geweckt wurden. Die morgendliche Routine begann ihren Lauf zu nehmen, wobei Michiki registrierte, daß die Wachen Pcherro nicht aus den Augen ließen. Zum Glück verhielt er sich ruhig und lieferte den Echsen keinen Grund, sich ihn erneut vorzunehmen. Bei seinem Rundgang mit den Wassereimern wechselte er einige Worte mit dem Kater, der seine Niedergeschlagenheit fürs Erste abgelegt zu haben schien.
4
Rotpelz schnupperte in der warmen Morgenluft. Die einzigen Gerüche, die seine Nase erreichten waren das Wasser des Sees, das erloschene Feuer und der Duft der Pflanzen des nahen Waldes. Nichts Beunruhigendes, entschied er und wandte sich um. Ichira schlief noch, ihr schlanker Körper lag der Länge nach ausgestreckt unter seiner Decke, die sich im Rhythmus ihrer tiefen Atemzüge hob und senkte. Ab und an regte sie sich im Schlaf; ihre anmutigen Bewegungen faszinierten Rotpelz wieder aufs Neue. Gelegentlich drang ein leises Grollen aus ihrer Kehle, doch schien sie diesmal nicht von schlimmen Träumen geplagt zu werden. Ein Blatt eines Baumes hatte sich auf ihrer Schulter niedergelassen, und der Fuchs nahm es behutsam weg. Geistesabwesend zupfte er an dem zarten Gebilde herum, während er seine Begleiterin im Licht des anbrechenden Tages betrachtete.
Seine Gedanken wanderten zurück zum letzten Abend. Unwillkürlich fuhr er sich mit einer Pfote über seine Wange. Ihm war es, als spürte er immer noch den leichten Hauch ihrer Zunge, wo sie ihn berührt hatte. Sie mochte ihn, hatte sie gesagt. Nun, er mochte sie auch, wenn man es so ausdrücken wollte. Er war sich über seine eigenen Gefühle noch nicht ganz klar geworden, doch es stand für ihn fest, daß er sie aus freien Stücken so schnell nicht wieder verlassen würde.
Er blickte auf das zerrupfte Blatt in seinen Pfoten. Seine unregelmäßige Form voller Risse und Löcher erinnerte ihn an seine eigene Gefühlswelt. Er warf das Blatt in die Asche der Feuerstelle und stand leise auf. Leichter Wind wehte vom See her um seinen Körper, während er die glatte Oberfläche betrachtete. Der Tag versprach erneut recht heiß zu werden, da die Luft sich bereits stark erwärmt hatte. Rotpelz ging ein paar Schritte und verharrte am Ufer des Sees. Das kühle Wasser umspielte angenehm seine Hinterpfoten; die Hitze des Morgens hatte es noch nicht geschafft, den See allzu sehr zu erwärmen. Kurz entschlossen spannte Rotpelz seinen Körper an und sprang.
Ichira erwachte, als ein lautes Geräusch ihre Ohren erreichte. Erschreckt richtete sie sich auf, wobei sie die Decke zur Seite schleuderte. Das Wasser des Sees in der Nähe ihres Lagerplatzes war aufgewühlt, und Rotpelz war nirgends zu sehen. Doch plötzlich tauchte sein Kopf prustend gute zehn Schritte vom Ufer im Wasser auf. »Rotpelz!« rief sie ängstlich und lief zur Wasserlinie. »Was ist passiert? Brauchst du Hilfe?« Auf ihrem Gesicht zeigte sich Besorgnis.
»Guten Morgen, Ichira! Sayh!« rief der Fuchs zurück, während er wieder in Richtung des Ufers paddelte. »Ganz und gar nicht. Es ist herrlich hier drinnen. Was ist? Kommst du auch ein wenig schwimmen?«
»Ich soll was?« fragte sie verdutzt. Es war ihr deutlich anzusehen, wie absurd sie diese Idee fand.
»Gehst du denn nie ins Wasser?« fragte Rotpelz, als er bis zu seiner Hüfte aus dem See stieg. »Um zu schwimmen, meine ich.«
»Nicht, wenn ich es vermeiden kann.« Ichira machte einen kleinen Satz rückwärts, als eine der Wellen, die der Fuchs verursachte, ihre Pfoten berührte. »Schau dich doch nur einmal an! Du bist klatschnaß.« Mit schnellen Bewegungen schleuderte sie die lästigen Tropfen aus ihrem Fell.
Rotpelz grinste. »Ay! Natürlich bin ich das. Es ist Wasser, schon vergessen?« Er watete zum Ufer und blieb schwer atmend vor ihr stehen. »Na los, komm schon. Es ist herrlich kühl.«
»Damit ich nachher so aussehe wie du? Vergiß es!« schnaubte Ichira belustigt, als sie sich den Fuchs in seinem durchweichten Fell betrachtete. »Ich werde besser das Feuer wieder in Gang bringen. Du wirst es brauchen.«
»Ich werde schon in der Sonne trocknen. Aber mach ruhig, dann können wir den Hasenbraten von gestern noch einmal warm machen.« Er machte einen Satz und landete einige Schritte weiter rücklings im Wasser.
»Igitt!« Ichira schüttelte mit dem Kopf und verzog das Gesicht, bevor sie sich der Feuerstelle zuwandte. Wenig später hatte sie die Flammen erneut angefacht. Sie versuchte, das ausgelassene Planschen des Fuchses im See zu ignorieren, während sie die beiden Fleischportionen aus dem Hasenfell wickelte und aufspießte. Dann suchte sie in Rotpelz' Beuteln nach den Teeblättern und schöpfte etwas Wasser aus dem See. Der Fuchs hatte sich indessen auf den Rücken gelegt und ließ sich treiben, so gut es ging. Spielerisch spritzte er ein paar Handvoll Wasser in die Luft, und ließ die Tropfen auf sich niederprasseln. Als er endlich aus dem See kam, waren das Fleisch und der Tee bereits fertig.
Tropfend ließ Rotpelz sich am Feuer nieder und grinste Ichira an, die ihn immer noch ungläubig anstarrte. Dann griff er nach einem der Becher und hob ihn an die Lippen. Dabei stieg ihm der Geruch des Tees in die Nase, den er erst einmal tief einatmete. »Danke für das Feuer und den Tee«, sagte er und nahm einen Schluck. »Ay! Das tut gut.«
Ichira reichte ihm einen der beiden Stäbe, auf denen das Hasenfleisch brutzelte. Rotpelz griff danach und streifte dabei das Fell ihrer Pfote. Ein warmes Kribbeln lief ihm über den Rücken, als er die unbeabsichtigte Berührung in eine schnelle Bewegung seiner Tatze umwandelte, um den Stock zu umfassen. Eine kurze Zeit lang hielten sie beide den Stab fest, und Rotpelz glaubte, sie müsse seinen Herzschlag hören können, so laut pochte es unter seinem noch immer feuchten Fell. Schließlich ließ sie los und setzte sich wieder zurück. Wenn sie in dieser Situation ebenfalls etwas gespürt hatte, zeigte es sich nicht auf ihrem Gesicht.
Der Fuchs murmelte ein »Danke« und knabberte abwesend an seiner Portion Fleisch. Dabei suchte er immer wieder ihren Blick um zu ergründen, was sie dachte. Doch das Gesicht einer Katze war so schwer zu lesen, wie das keiner anderen Rasse, und Ichira schien eine wahre Meisterin darin zu sein, ihr Inneres zu verschleiern. Er fragte sich, ob sie wußte, welche Gefühle sie ihn ihm auslöste und es sich nicht anmerken ließ, oder ob sie gar nicht mitbekam, wie verwirrt er war. So oder so blieb Rotpelz nichts anderes übrig, als die Mahlzeit - die er ohnehin nicht schmeckte - Bissen für Bissen hinunterzuschlucken und zu versuchen, das Zittern in seinen Pfoten unter Kontrolle zu bekommen.
Kaum hatten sie ihr Frühstück verspeist, begann Ichira auch schon damit, das Lager abzubrechen. Sie goß das restliche Wasser über die Feuerstelle und rollte ihre Decke zusammen, bevor Rotpelz noch richtig auf die Beine gekommen war. »Immer mit der Ruhe«, sagte er, als er sein Bündel ebenfalls packte. »Warum beeilst du dich so?«
»Wir sollten nicht zu viel Zeit vergeuden. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich dadurch das Leben eines meiner Stammesmitglieder gefährdete.«
»Aber mein Fell ist noch nicht ganz trocken«, beschwerte sich der Fuchs, während er sich dennoch reisefertig machte. »Außerdem können wir diese Spur überhaupt nicht verlieren.«
Binnen weniger Minuten waren sie wieder auf dem Weg zu der Stelle, wo sie die Verfolgung abgebrochen hatten. Rotpelz hatte natürlich recht gehabt; die Fährte war so klar und deutlich wie am gestrigen Tag. So folgten sie dem frischen Trampelpfad durch den Wald, ohne noch ein weiteres Wort miteinander zu wechseln. Ichira war völlig darauf konzentriert, den Weg voraus zu suchen, während Rotpelz seinen aufgewühlten Gedanken nachhing. Einerseits genoß er es, mit ihr durch den Wald zu reisen, doch andererseits mußte er immer wieder an ihre Worte denken, deren Bedeutung er immer noch nicht zu seiner Zufriedenheit entschlüsselt hatte. Sein Blick fiel immer wieder auf den schlanken Rücken der Katze, während sie vorausging. Das Spiel der Muskeln unter dem nachtschwarzen Fell und die zuckende Bewegung ihres dünnen Schwanzes faszinierten ihn so sehr, daß er mehrmals über aus dem Boden ragende Wurzeln stolperte. Daher merkte er auch erst sehr spät, daß sie den Waldrand erreicht hatten.
Die Spur bog hier nach links ab, um weiter am Rande der Bäume entlangzuführen. Zu ihrer Rechten konnten sie offenes Feld überblicken, das am Horizont in eine weitere Hügellandschaft überging. Sie folgten weiter der Fährte, immer noch schweigend. Rotpelz dachte fieberhaft nach, worüber er mit ihr reden konnte, aber ihm fiel einfach nichts ein. Ay! Er, der redegewandte Weltenbummler, der sonst nie um einen Plausch verlegen war, hatte seine Sprache völlig verloren. Wenn ihm das jemand vor einer Woche prophezeit hätte, wäre er wahrscheinlich in Gelächter ausgebrochen. Ichira schien von dem nichts zu bemerken. Ihr Blick war immer noch starr auf die Spur voraus gerichtet, ihre Gangart eilig. Doch plötzlich blieb sie stehen und streckte einen Arm nach ihm aus. Sie bekam seine Schulter zu fassen und hielt ihn zurück. Nur einen Augenblick darauf brachen mehrere Gestalten aus dem Gebüsch zu ihrer Linken auf den Pfad hinaus.
Rotpelz und Ichira wichen einen Schritt zurück, als sich die drei Personen nebeneinander vor ihnen aufbauten. In der Mitte stand ein graupelziger Wolf, der eine gespannte Armbrust bei sich trug. Rechts von ihm wartete die schmale Gestalt eines Luchsweibchens. Sie besaß einen Bogen und hatte einen Pfeil locker auf die Sehne gelegt. Auf der anderen Seite ragte die hünenhafte Gestalt eines braunen Bären auf, der sein Schwert gezogen hatte und sie aus seinem linken Auge anblickte. Die rechte Augenhöhle war leer; eine tiefe Narbe zog sich von der Schläfe darüber hinweg quer über das ganze Gesicht bis hinab zum Hals der großen Gestalt. Als Rotpelz den Bären sah, begann er am ganzen Körper zu zittern, und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er erinnerte sich an seine Jungenzeit in der Eiswüste, als solche Wesen - die allerdings weißes Fell trugen - ihm und seiner Familie nachgestellt hatten. Damals waren ihm die Bären schon gigantisch erschienen, doch verglichen mit diesem Hünen nahmen sie sich geradezu lächerlich aus.
Ichira fand ihre Sprache recht schnell wieder. Sie hatte ihre Krallen ausgefahren, die Ohren angelegt und sich zum Angriff geduckt, entspannte sich jedoch langsam wieder. »Was wollt Ihr von uns?« zischte sie leise.
Der Wolf machte seinen Begleitern ein Zeichen, und sie senkten ihre Waffen. »Sayh, Fremde. Mein Name ist Hakir. Das hier sind meine Gefährten Velena« - er deutete auf das Luchsweibchen - »und Zid. Wir hatten nicht die Absicht, Euch zu erschrecken.« Er blickte sich kurz um und deutete dann auf die aufgewühlte Erde zu seinen Füßen. »Ist das die Spur, die die Echsen hinterlassen haben?«
Ichira antwortete nicht, also ergriff Rotpelz das Wort. »Was wißt ihr von den Echsen?«
»Wir sind ihnen seit einiger Zeit auf den Fersen«, antwortete der Wolf. Mit einem kurzen Seitenblick auf Zid fuhr er fort: »Während des Gewitters der vorletzten Nacht haben wir leider ihre Fährte verloren.«
Der Bär grummelte etwas, und Rotpelz zuckte unwillkürlich zusammen. Offensichtlich gab es etwas zwischen den beiden, das Unmut erregt hatte. »Wir folgen der Spur seit kurzem«, sagte der Fuchs. »Die Echsen haben das Dorf meiner Begleiterin überfallen und geschleift. Jetzt wollen wir einen Weg finden, zurückzuschlagen. Doch wie Ihr seht« - er wies auf sich und Ichira - »sind wir nicht stark genug, um uns ihnen entgegenzustellen.« Während er sprach, ließ er Zid nicht aus den Augen.
»So scheint es, daß wir dasselbe Ziel haben«, sagte Hakir. »Ich vermute, selbst die zehnfache Menge von uns hätte in einem offenen Kampf gegen die Echsen keine Chance. Wir werden einen anderen Weg finden müssen, diese Untiere zu besiegen. Und ich glaube auch, daß wir zusammen größere Aussichten auf Erfolg hätten, als wenn wir getrennt weiterziehen würden.«
»Ihr meint, wir sollten uns Euch anschließen?« fragte Ichira. »Obwohl wir Euch erst gerade getroffen haben?« Rotpelz nickte zustimmend, immer ein Auge auf den Bären gerichtet.
»So wie Ihr suchen auch wir einen Weg, die Bedrohung von unserem Land zu nehmen und die Verschleppten wieder zurückzubringen.« Zum ersten Mal sprach Velena. Ihre Stimme war sanft und tief, mit melodischer Betonung und deutlicher Akzentuierung eines jeden Wortes. Man merkte sofort, daß sie es gewohnt war, ihre Stimme zu benutzen. »Es wäre für jeden von uns von Vorteil, wenn wir uns gegenseitig helfen würden. Wir alle haben unsere Stärken und Schwächen, um so besser also, wenn wir möglichst viele werden. So können wir unsere Stärken ergänzen und die Schwächen besser ausgleichen.« Während sie sprach, blickte sie Rotpelz und Ichira aus ihren unergründlichen grünen Augen an. In ihnen stand Klugheit und eine gewisse Wachsamkeit, die aber angesichts der Situation durchaus normal erschien.
»Wenn Ihr nichts dagegen habt, würde ich gerne einen Augenblick mit meiner Begleiterin alleine sein«, sagte der Fuchs.
»Aber macht es kurz.« Der Wolf warf ihm einen warnenden Blick zu. »Wir werden nicht zu lange warten. Die Echsen haben ohnehin schon einen zu großen Vorsprung.«
Rotpelz nickte und deutete eine leichte Verbeugung an. Dann nahm er Ichira beiseite und ging ein paar Schritte von der Gruppe weg. Als sie außer Hörweite waren, blieb er stehen. »Was hältst du davon?« fragte er.
Ichira blickte zu den drei Gestalten zurück, die nun die Spuren am Boden untersuchten. »Ich bin mir nicht ganz sicher. Offensichtlich jagen sie denselben Feind wie wir, und jeder Gegner unserer Feinde sollte unser Verbündeter sein. Aber trotzdem erscheint mir diese Gruppe sehr merkwürdig.«
»Der gleichen Meinung bin ich auch«, erwiderte Rotpelz nachdenklich. »Diese Velena ist eine komische Person. Ich bin mir sicher, sie besitzt - du weißt schon - gewisse Kräfte. Das konnte man deutlich in ihren Augen sehen.« In Wahrheit hatte der Fuchs die Anwesenheit einer Kraft gespürt, die seiner recht ähnlich war. Aber er wollte seine Fähigkeiten noch nicht preisgeben.
»Woran erkennst du das?« Ichira schien überrascht.
»Ich habe auf meinen Reisen schon viele solcher Personen kennengelernt«, sagte der Fuchs schnell. »Irgendwann entwickelt man einen Blick dafür, weißt du?« Er schwieg einen Augenblick bedächtig. »Was sollen wir tun? Alleine weiterziehen, oder uns ihnen anschließen?«
Die Katze wandte ihren Kopf zu den drei Wanderern, die nun auch ihrerseits zurückblickten. Scheinbar wurden sie ungeduldig. »Ich denke, wir sollten uns zusammentun. Wir gehen ohnehin denselben Weg und würden zwangsläufig immer wieder aufeinander treffen. Da ist es mir lieber, ich weiß, wo sie sind. Aber irgendwie glaube ich nicht, daß sie uns schaden wollten. Dazu hätten sie schon genug Gelegenheit gehabt.«
»Das stimmt allerdings.« Rotpelz blickte zu dem hochgewachsenen Bären hinüber, dessen Gestalt ihm immer noch einen Schauer den Rücken hinunterjagte. Dann seufzte er und nickte Ichira zu. »So laß uns gehen, meine Teure«, verkündete er höfisch, machte eine einladende Handbewegung und setzte sich in Bewegung.
»Nun, wie habt Ihr Euch entschieden?« fragte Hakir, der ihre Rückkehr erwartet hatte. »Werdet Ihr mit uns reisen oder nicht?«
»Wir denken, daß Velena recht hat. Unsere Gruppen sollten ihre Stärken zusammentun. Wenn Ihr also nichts dagegen einwenden wollt, werden wir uns Euch anschließen.« Rotpelz warf einen wachsamen Blick auf Zid, der sich aber scheinbar nicht für das Gespräch interessierte.
»So sei es denn.« Der Wolf klatschte die Pfoten zusammen. »Willkommen, Wanderer.« Velena verbeugte sich leicht vor den beiden.
»Man nennt mich Rotpelz«, sagte der Fuchs, als sie die Verfolgung der Spur wieder aufnahmen. »Und das ist Ichira.«
Der Wolf nickte den beiden freundlich zu und wandte sich dann an den Fuchs. »Rotpelz? Wie kommt Ihr zu einem solchen Namen? Ich dachte, das rote Fell wäre üblich bei Eurer Rasse.«
Rotpelz seufzte belustigt. Wie oft hatte man ihm diese Frage schon gestellt? Aber da auch Ichira interessiert zu sein schien, beeilte er sich, zu antworten. »Nun ich bin nicht von der Art Fuchs, für die mich die meisten halten. Ursprünglich stamme ich aus dem hohen Norden, weit jenseits der warmen Lande hier. Dort leben auch viele meiner Art, doch tragen sie gewöhnlich ein weißes Fell, um sich in der Schneelandschaft besser verbergen zu können. Nur in den kurzen zwei Monden des Sommers schimmert dann der dunkle Pelz durch, der sich darunter verbirgt. Nun, mir hat die Natur ein rotes Fell zugedacht, das sich auch im Winter nur kaum aufhellt. Einerseits ist es recht amüsierend, der einzige rote Schneefuchs zu sein, aber andererseits bringt es eine Menge Probleme mit sich. Daher bin ich von dort fortgegangen. Hier passe ich besser hin, nur die Temperaturen machen mir ab und an noch zu schaffen.« Zur Verdeutlichung nahm er ein Büschel seines Bauchfells zwischen zwei Finger und zog leicht daran. Es war wesentlich dichter als das der übrigen Gruppenmitglieder. »Meine Familie gab mir schließlich den Namen Rotpelz. Es war wohl eher als Neckerei gedacht, aber irgendwie habe ich mich daran gewöhnt.«
»Also habt Ihr noch einen anderen Namen?« fragte Hakir.
Rotpelz nickte. »Aber es ist lange her, daß ich ihn zuletzt benutzt habe.«
»Eine schöne, und doch traurige Geschichte, Freund Fuchs«, sagte Velena. »Ich bin überrascht, daß die Natur solche Launen zeigt. Möglicherweise hält das Schicksal noch etwas Besonderes für Euch bereit.«
»Es würde mir genügen, wenn wir einen Weg fänden, die Echsen aufzuhalten.«
»Dann laßt uns zusehen, daß wir den Ursprung dieser Spuren bald herausbekommen«, sagte Hakir und deutete auf die zerwühlte Erde. »Und haltet Ausschau nach möglichen Spähern oder Hinterhalten.«
So folgten die fünf Wanderer weiter der Spur der Echsen. Die Landschaft um sie herum veränderte sich nur wenig. Offene Felder und Wiesen wechselten sich mit dichten Waldstücken ab, hier und da unterbrochen von einem kleinen Bach oder Tümpel. Gegen Mittag machten sie Rast an einer Stelle, wo die Spur auf einen schmalen Feldweg stieß und ihn überquerte. Sie aßen ein wenig von ihren Vorräten und ruhten sich in der wärmenden Sonne aus. Rotpelz legte sich auf den Rücken und genoß die sanfte Berührung des Windes auf seinem Fell. Ichira hatte es sich in seiner Nähe bequem gemacht und untersuchte den Bogen und die Pfeile, die sie von Rotpelz bekommen hatte. Vor ihnen - etwa eine halbe Meile entfernt - lag ein dichterer Wald, zu dem die Fährte zu führen schien. Hakir hatte vorgeschlagen, daß sie sich auf eine mögliche Konfrontation vorbereiten sollten, denn dort wäre es ein Leichtes, ihnen ungesehen aufzulauern.
Auch Velena und Hakir überprüften ihre Waffen, während Zid sich damit begnügte, sein Schwert ein wenig mit Öl zu bestreichen. Rotpelz hatte unterwegs einen langen Stab aufgelesen, den er während ihrer Wanderung von seiner Rinde und überstehenden Knoten befreit hatte. Mit Klingenwaffen konnte er ohnehin nicht besonders gut umgehen, und er mußte zugeben, daß Ichira die bessere Bogenschützin war. Ob sie allerdings genauso treffsicher war, wenn es tatsächlich zu einem Angriff kam, mußte sich erst noch herausstellen.
Während der Fuchs die Rast genoß, spürte er eine Bewegung neben sich und öffnete die Augen. Hakir hatte sich neben ihm im Gras niedergelassen. »Sayh, Freund Wolf«, sagte er freundlich und stützte seinen Kopf auf eine Pfote. »Habt Ihr schon beschlossen, wann wir weitergehen sollen?«
»Nein, aber lange sollten wir nicht mehr warten. Wir sind alle ausgeruht und in guter Verfassung.« In seinen Worten schwang ein Unterton mit, der Rotpelz vermuten ließ, daß Hakir sich dessen nicht völlig sicher war.
»Ihr scheint Bedenken zu haben«, sagte der Fuchs leise. »Was beunruhigt Euch?«
Hakir schnaubte leise. »Nun, es ist ein Wagnis, diesen Wald zu betreten. Immerhin sind wir nur zu fünft, und wir alle wissen, welche Übermacht die Echsen aufbringen können, wenn sie wollen. Wenn es nur einen anderen Weg gäbe, diesen Spuren nachzugehen ...« Er starrte auf seine Pfoten, die er in seinem Schoß gefaltet hatte.
»Ihr glaubt, sie haben Posten zurückgelassen, für den Fall, daß sie verfolgt werden? So überlegen, wie sich die Echsen bisher fühlen, erscheint mir das eher unwahrscheinlich. Sie werden vermutlich nicht glauben, daß es jemand wagen würde, sich an ihre Fersen zu heften. Und wenn wir sie doch treffen, werden wir kämpfen müssen.« Obwohl er nach außen hin ruhig blieb, jagte ihm dieser letzte Satz einen kalten Schauer über den Rücken. »Wir sollten das Beste hoffen.«
»Ihr sagt es.« Der Wolf seufzte tief. »Hoffnung ist es, was uns treibt. Ich habe nur die Befürchtung, daß ich dem Vertrauen, daß Velena und Zid in mich setzen, nicht gerecht werden könnte. Versteht Ihr? Ich habe sie erst dazu gebracht, daß sie sich gegen die Echsen zur Wehr setzen.« Er blickte auf, um dem Fuchs in die Augen zu sehen. »Sie folgen mir, ohne daß ich ihnen einen Halt geben könnte.«
»Wenn Ihr mich fragt, dann denke ich, daß sie im Ernstfall auch sehr gut auf sich selbst gestellt klar kommen könnten.« Er deutete auf Zid, der sich zusammengekauert hatte und wachsam umherspähte. »Wer würde es wagen, sich einem solchen Hünen entgegenzustellen?«
Der Wolf folgte dem Blick des Fuchses und lachte bitter. »Laßt Euch nur nicht von seiner Größe täuschen, Rotpelz. Zid ist in Wirklichkeit nicht gerade ein Ausbund an Mut. Ich glaube, er ist nur bei uns, weil er sonst niemanden hat, zu dem er gehen kann, nachdem seine Sippe nicht mehr existiert. Neulich nachts hat er während des Gewitters Reißaus genommen, und wir haben die halbe Nacht damit zugebracht, ihn zu finden. Bis wir ihn dann soweit hatten, daß er uns zu einem trockenen Unterschlupf folgte, waren wir bis auf die Haut durchnäßt. Bei jedem Blitz zuckte er zusammen, als wäre er ein Junges, das sich verlaufen hat. Der ewigen Hüter sei Dank haben wir uns dabei keine Erkältung eingefangen.«
Während der Wolf erzählte, wurden die Augen des Fuchses immer größer. Ein Bär, der Angst vor Gewitter hatte? Er versuchte gerade, sich diesen Gedanken bildlich vorzustellen, doch es gelang ihm nicht. »Das kann ich nur schwer glauben, Hakir.«
»Und doch ist es wahr«, entgegnete der Wolf. »Sprecht ihn aber nicht darauf an. Er reagiert sehr empfindlich, wenn man ihn an seine Schwächen erinnert.«
»Das werde ich nicht, seid beruhigt.«
Hakir lächelte. »Dann sollten wir aufbrechen. Je früher wir den Wald erreichen, desto länger werden wir das Tageslicht als Verbündeten haben.« Er stand auf und begann den Rest der Gruppe zu mobilisieren.
Wenig später waren sie wieder unterwegs, entlang der breiten Spur der Echsen und ihrer Gefangenen. Kurze Zeit darauf tauchten sie in den dichten Wald ein. Die Schneise, die ihre Vorgänger hier hinterlassen hatten, machte es ihnen recht leicht, ihrem Weg zu folgen. Rechts und links der Fährte war der Waldboden üppig mit Büschen und Farnkraut bewachsen, die ihr Vorankommen stark verlangsamt hätten. Rotpelz ging neben Ichira, die ihren Bogen schußbereit vor sich hielt. Hakir führte die Gruppe weiterhin an, während Velena an seiner Seite blieb und Zid die Nachhut bildete. Dem Fuchs war es bei dem Gedanken, daß er einen Bären mit einem Schwert direkt hinter sich hatte, überhaupt nicht behaglich zumute, aber das konnte er kaum sagen. So stapfte er weiter voran und versuchte, nicht darüber nachzudenken.
Bis zum Abend änderte sich nichts an der Szenerie. Hin und wieder fanden sie auf ihrem Weg fortgeworfene oder verlorene Gegenstände, allesamt wertloser Tand, die vermutlich von den Echsen aussortiert und zurückgelassen worden waren, um die Last zu verringern. Schließlich kamen sie überein, ihr Nachtlager aufzuschlagen. Auf der gesamten Strecke hatten sie kein Anzeichen eines möglichen Hinterhaltes oder einer Verfolgung bemerkt, daher entschieden sie sich, daß ein Feuer nicht schaden konnte. Während Ichira und Rotpelz sich um das Feuerholz kümmerten, begannen Hakir und Zid ein Scheingefecht mit Stöcken statt Schwertern. Als sie mit vollen Armen zum Lager zurückkehrten, waren die beiden gerade in einen Ringkampf verwickelt, der sehr zu Gunsten des Bären auszugehen schien. Die beiden Holzsammler luden ihre Last in der Mitte ihres Lagers ab, wo Velena bereits einen Kreis aus Steinen errichtet hatte, in dem das Feuer brennen sollte. Sie schichteten die Stöcke und Zweige zu einem ordentlichen Haufen auf, und in wenigen Augenblicken hatten sie ein gemütliches Feuer entzündet. Dann wandten sie sich wieder den beiden Kämpfern zu.
»Ich wette, Zid könnte Hakir mit einem Schlag umwerfen wenn er wollte«, sagte Rotpelz. »Er ist viel schwerer als der Wolf.«
»Es kommt nicht nur auf Gewicht und Kraft an«, entgegnete Ichira. »Es hat auch viel mit Wendigkeit und Geschwindigkeit zu tun.«
Rotpelz blickte sie an. »Das klingt, als hättest du Erfahrung darin. Ich habe gedacht, du wärst eher eine Jägerin als eine Ringerin.«
»Na ja, ich war nie besonders gut darin, aber für einen kleinen vorlauten Fuchs würde es wohl noch ausreichen.« Sie grinste, als sich seine Miene verfinsterte.
»So, glaubst du?« fragte er mit einem kecken Seitenblick. »Dann versuch's doch.« Damit versetzte er ihr einen spielerischen Stoß gegen die Schulter, der sie aber so unverhofft traf, daß sie zu Boden taumelte.
Knurrend richtete sie sich wieder auf und bürstete ein paar Blätter aus ihrem Fell an ihrer Seite. Dann sprang sie ihn mit einer so unerwartet schnellen Bewegung an, daß er nicht einmal die Zeit fand, tief Luft zu holen, um sich dem Angriff entgegenzustellen. In einem Gewirr aus Pfoten, Schweifen und Fell gingen sie zu Boden. Doch einen Moment später hatte Rotpelz sich wieder gefangen und rollte zur Seite, wobei er Ichira von sich stieß. Nur einen Herzschlag später hatte sie sich wieder mit einem Schrei auf ihn gestürzt; mit ihren Pfoten drückte sie seine Schultern zu Boden. Dies gab ihm die Gelegenheit, ihren Körper mit den Hinterpfoten anzuheben und über seinen Kopf hinweg ins Laub zu werfen. Sofort drehte er sich um.
Einen Augenblick lang belauerten sich die beiden, auf die Arme gestützt und schwer atmend. Dann sprang Ichira und riß den verdutzten Fuchs um. Noch bevor er auf diesen Angriff reagieren konnte, war sie schon wieder über ihm. Er begann zu begreifen, warum sie zu den Jägern ihres Stammes gehört hatte. Doch er war kräftiger als sie, und das kam ihm zugute, als er ihre Pfoten mit seinen ergriff und sie langsam aber beständig von sich herunterzwang. Schließlich lag er auf ihr, seine Schnauze nur wenige Haaresbreiten von ihrer entfernt. Beide keuchten laut vor Anstrengung und sahen sich in die Augen. Langsam, beinahe unbemerkt, senkte er seinen Kopf ihrem entgegen. Sein Blick war an ihren gefesselt, er witterte den Geruch ihres Fells und spürte ihren heißen Atem auf seinem Gesicht. Plötzlich bemerkte er, wie still es um ihn herum geworden war, woraufhin er seinen Kopf ruckartig zur Seite wandte. Zid und Hakir hatten ihren Kampf offensichtlich beendet und starrten nun zu ihm und Ichira herüber. Hastig zog er seinen Kopf zurück, ließ die Katze frei und stand auf, immer noch nach Luft ringend. Ichira blieb noch einen Moment liegen und blickte Rotpelz lächelnd an. Sein Herz machte einen Sprung, während ihm das Blut in den Ohren rauschte. Er zupfte sich Tannennadeln und Laub aus dem Fell und ließ sich dabei viel Zeit, um den Blicken der anderen auszuweichen.
Auch Ichira war mittlerweile aufgestanden und hatte damit begonnen, ihren Pelz zu säubern. Er spürte, wie sie sich ihm näherte und etwas aus seinem Rückenfell entfernte. Zuerst versteifte er sich ein wenig, doch dann ließ er sie gewähren, wobei er versuchte, einen möglichst gleichgültigen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Aus den Blicken der anderen entnahm er, daß ihm das nicht allzu gut gelang. »Was ist?« fragte er schließlich, nachdem er sich Ichiras Rückenpelz zuwandte. »Stimmt etwas nicht?«
»Oh, nein, ganz und gar nicht, Freund Fuchs. Es ist alles in Ordnung, wie es aussieht.« Hakir grinste breit und versetzte Zid einen leichten Rippenstoß. »Komm, laß uns jagen gehen. Wir brauchen noch etwas Fleisch für unser Abendessen.« Die beiden standen auf und verschwanden mit Hakirs Armbrust und Velenas Bogen im Wald.
Velena selbst blickte den beiden noch einen Augenblick hinterher und richtete sich ebenfalls auf. »Wenn Ihr nichts dagegen habt, werde ich mich für eine Weile an einen stillen Ort begeben, um zu meditieren. Ich werde in der Nähe bleiben. Wenn etwas geschehen sollte, ruft mich einfach.« Sie streckte ihre Glieder und verließ das Lager, Rotpelz und Ichira alleine zurücklassend.
»So, ich glaube, das war es«, sagte der Fuchs, als er schließlich beim besten Willen nichts mehr fand, das er aus Ichiras Fell zupfen konnte. »Ich denke, ein Becher Tee wird uns jetzt gut tun.«
Sie wandte sich zu ihm um und lächelte. »Wenn du meinst, von mir aus.«
Rotpelz bemühte sich, seine Bewegungen unter Kontrolle zu halten, während er die Utensilien für den Tee aus seinem Beutel holte. Ichira hatte sich neben ihn gesetzt und beobachtete ihn dabei, was ihn noch nervöser machte.
Als schließlich der kleine Topf auf dem Feuer stand und das Wasser sich langsam erhitzte, spürte er eine Bewegung neben sich. Er hielt in seiner Arbeit inne und schielte zur Seite. Ichira war ein wenig näher herangerückt und betrachtete ihn aus ihren großen Augen. Er wandte sich ihr zu und war erneut von ihrem Blick gefangen. Langsam hob sie ihre Arme und legte ihre Pfoten auf seine Schultern. Zuerst wehrte er sich gegen den sanften Druck, doch dann ließ er sich auf den Rücken sinken, während die Katze über ihm blieb. »Ichira-« begann er.
»Schscht«, säuselte sie leise und schüttelte ihren Kopf. Sanft fuhr sie ihm mit einer Pfote über die Seite seiner Schnauze und durch das längere Fell an den Wangen. Langsam ließ sie ihren Kopf sinken und leckte ihm über die Stirn.
Rotpelz sog den angenehmen Geruch ihres Fells ein und schloß die Augen. Seine Arme umschlangen ihren Körper, und vorsichtig strich er ihr mit den Pfoten über den Rücken. Sie genoß dies spürbar und schmiegte sich an ihn. Von dort, wo ihr Fell seines berührte, breitete sich ein wohliger Schauer durch seinen Körper aus. Er ließ seine Pfoten weiter über ihren Rücken gleiten, wagte sich dabei nach und nach tiefer hinab, bis er die Wurzel ihres Schwanzes erreicht hatte. Zärtlich strich er ihr über das Fell und genoß ihre Wärme auf seinem Leib. Dieser schlanke Körper in seinen Armen bedeutete in diesem Augenblick die ganze Welt für ihn, nahm mit seiner Wärme und seinen wiegenden Bewegungen sein gesamte